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Predigt zum Sonntag "Rogate", 17. Mai 2020, Pfarrer Gernot Hübner, Niederdünzebach

Sa 16.05.2020 22:00
Niederdünzebach, am Sonntag Rogate (="Betet!"), den 17.Mai 2020

Liebe Gemeinde!

"Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein, wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, um sich vor den Leuten zu zeigen…Wenn du aber betest, geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu…Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern…Denn Euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet. Darum sollt ihr so beten: Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt…" aus Matthäus 6, 5ff.

In Krisenzeiten wird viel gebetet. Das Corona-Virus erscheint wie eine unheimliche Macht, die über die Menschheit gekommen ist und nun weltweit das Leben bestimmt und Leben in Gefahr bringt. Dagegen suchen viele Menschen eine Verbundenheit mit Gott. "Gott", wie ihn die Bibel beschreibt, als schöpferische, Leben hervorrufende und beschützende Macht. Gott als Gegenmacht zu der Wirklichkeit der Verunsicherung und des Todes. Gebet ist Hinwendung zu Gott. Zur Beruhigung, zum Trost, als Kraftquelle - gegen bedrängende Gedanken und bedrückende Wirklichkeit. Doch nicht wenige Menschen fühlen sich auch in ihrem Beten hilflos, unsicher, unvertraut. Wie soll und kann ich beten? Wie Worte finden? Was darf ich beten und erwarten? Wie kann ich in den Unwägbarkeiten und Ungewissheiten des Lebens Gewissheit finden? Ein Vertrauen, das mich in allem dennoch tröstet, trägt, umfängt: "Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir" (Psalm 23, 4) - "Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. …" (Dietrich Bonhoeffer)

Als Christen bekennen wir die Gegenwart Gottes in Jesus Christus. Jesus lehrte beten. Er gibt seinen Jüngern das Vaterunser als Muster allen Betens an die Hand. Diese Worte kann man sich leihen. Wir müssen nicht um Worte ringen. Dazu gibt Jesus bemerkenswerte Weisungen. Ich empfinde sie als befreiend und entlastend.

Wie auf vielen Gebieten im Leben kann auch beim Beten leicht ein Leistungsdruck entstehen, der ein schlechtes Gewissen bereitet oder verunsichert. Bete ich oft genug? Habe ich in genügender Weise andere bedacht und niemanden vergessen? Sind meine Worte ausdrucksstark, meine Gedanken tief genug? Ist mein Beten zu egoistisch oder zu selbstvergessen? In manchen Gottesdiensten hören wir ellenlange Fürbitten. Manchmal lesen oder hören wir Gebete von großer poetischer Kraft. In Gebetsgemeinschaften frommer Kreise kann man vom unbeholfenen Gestammel bis zu spontan druckreifen Worten alles erleben (und mitunter den - trotz aller Freiwilligkeit - lastenden Druck verspüren, auch etwas sagen zu müssen). Für viele ist Beten etwas äußerst Intimes, legt man doch sein Innerstes offen. Beten und Schamgefühl liegen nah beieinander. Jesus lehrt: Komm nicht ins "Plappern". Die Masse der Worte ist nicht entscheidend. Ein gewählter und geschliffener oder poetischer Ausdruck ist nicht notwendig. Gott weiß, was dir fehlt und auch, worüber du dich freust. Für ihn brauchst du nicht um Worte zu ringen. Du kannst dir im Vaterunser Worte leihen, die immer (!), recht und würdig genug sind.

Wichtig ist vor allem, so höre ich Jesu Worte, die Verbindung von Konzentration und Hinwendung: das Bei-sich-sein und Bei-Gott-sein. Beten ist Konzentration - auf sich und die Sache, die einen selbst (und/oder andere!) gerade angeht. Und Beten ist konzentrierte Hinwendung - zu Gott. Ich begebe mich ins Beten in der Hoffnung, eine berührende Verbindung, eine tröstende Verbundenheit zu finden. Ich bete im Vertrauen und vertraulich. Dazu bedarf es innerer Freiheit und
äußeren Schutzes. Das ist das "stille Kämmerlein"! Dort ist "geschützter Raum". Im "stillen Kämmerlein" kann ich frei (!) alles offenlegen (Übrigens, in unseren
Gottesdiensten repräsentiert das "Stille Gebet" zwischen Fürbitten und Vaterunser das "stille Kämmerlein"). Ich kann mein Innerstes preisgeben, ohne Angst, ohne Scham, ohne, dass die Ohren anderer mithören. Vertraulichkeit ist wichtig. Sie bietet die Möglichkeit, mich unbefangen (!) auf das zu konzentrieren, was mich gerade zutiefst bewegt. Aber Jesus lehrt nun auch, dass alles Beten, obwohl in vertraulicher, geschützter Atmosphäre, dennoch nicht in Einsamkeit geschieht!
Jeder Betende darf sich in der Gemeinschaft aller Betenden wissen. Alles Beten ist umfangen von der Gemeinschaft. Ich mag allein beten, aber ich bin dabei im
"Wir". "Vater unser im Himmel… - das ganze Vaterunser ist im "Wir" gesprochen!
So lässt sich gut beten: Geschützt und vertraulich, frei und unbefangen, bei sich und bei anderen, allesamt verbunden in Gott, oder anders gesagt: In der "Gemeinschaft des Heiligen Geistes"!

Dabei können wir uns getrost Worte leihen. Das Vaterunser, aber auch
Psalmen der Bibel, z.B. Psalm 23 oder bewegende Worte anderer Persönlichkeiten,
wie Bonhoeffers "Von guten Mächten wunderbar geborgen". Wir müssen nicht um
Worte ringen, wir sollen frei sein von allem Druck, die rechten Worte finden zu
müssen. Sie sind schon da! Wir können sie jederzeit aufgreifen und uns von ihnen
tragen lassen. Sie führen uns zu Gott und in die Gemeinschaft aller Betenden.

Was kann ich erwarten, wenn ich bete?

Das Gebet kann, indem es etwas zur Sprache bringt, was den Betenden gerade
zutiefst bewegt, zur Klärung und Klarheit bringen. Es kann dazu führen, dass sich beim Betenden tatsächlich ein "Anwesenheitsgefühl" einstellt. D.h., dass er/sie eine "andere Anwesenheit" geradezu körperlich spürt. Betende fühlen sich dann mit einem Mal umgeben, erfüllt und umhüllt von einer "Präsenz", einem "Da-Sein", das Geborgenheit, Wärme, Trost und Kraft ausstrahlt. Solches Widerfahren, solches Ergriffen werden, solche "Gottesbegegnung" oder "Geist-Erfahrung" beschreiben Betende. Sie erleben sich "erfüllt", "getröstet", "gehalten", "befreit", "aufgerichtet", usw. Die Wahrnehmung der Welt und des eigenen Lebens, der eigenen Situation, kann nach einer solchen Erfahrung verändert sein. Der christliche Mystiker Gerhard Teerstegen beschreibt es in seinem Lied "Gott ist gegenwärtig" EG 165, v.5 so: "Du durchdringest alles, lass dein schönstes Lichte, Herr, berühren mein Gesichte. Wie die zarten Blumen willig sich entfalten und der Sonne stille halten, lass mich so, still und froh, deine Strahlen fassen und dich wirken lassen."

Setzen wir dem Virus und allen bösen Mächten also unser Beten entgegen.
Geben wir uns immer wieder in die Worte hinein, die Jesus lehrte und lassen uns von ihnen tragen:

Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

Bleiben Sie behütet in dieser Zeit!
Ihr Pfarrer Gernot Hübner

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