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Predigt zum Sonntag "Kantate", 10. Mai 2020, Pfarrer Gernot Hübner, Niederdünzebach

Sa 09.05.2020 18:00
Niederdünzebach, am Sonntag "Kantate" (= "Singet!"), den 10. Mai 2020

Liebe Gemeinde!

"Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder!"
Psalm 98, 1

Wie weise erscheint es mir, den vierten Sonntag nach Ostern unter das Motto "Kantate!" = "Singet!" zu stellen. Im Garten blüht der Flieder und verströmt seinen herrlichen Duft. Ringsum steht die Natur in frischer (!), voller Pracht, die Vögel machen herrlichen (!) Lärm (und wecken mich morgens!) und bauen Nester. Der Kuckuck ruft, und in mir singt es unweigerlich…dieses wunderschöne Lied vom Kuckuck, der nicht tot zu kriegen ist - "simsaladim bam ba sala du sala dim"! Die lebendige Schöpfungskraft füllt das Herz, und es drängt einen geradezu zum Gesang. Ja, "Kantate!" ruft es einem bei all den sichtbaren Zeichen der Wiederkehr und der Auferstehung des Lebens nach dem Winter zu. Das ist das eine.

Das andere ist: Ich lese dieser Tage die Rundmail eines Kollegen im Ruhestand, in der er sein völliges Unverständnis für das auferlegte Gesangsverbot in Gottesdiensten äußert und fast zum zivilen Ungehorsam dagegen aufruft, und ich lese am selben Tag das Wort unserer Landesbischöfin, in dem sie warnend darauf hinweist: "Gemeinsames Singen hat die höchste Ansteckungsgefahr, wie bittere Erfahrungen von Chören in anderen Ländern zeigen." Andere anstecken, davor behüte uns Gott! Ja, das Corona-Virus zerreißt uns schier in unseren Bedürfnissen…

Der Mensch singt und muss singen - in allen Kulturen!! Woher kommt dieses kraftvolle Urbedürfnis zu singen? Musikwissenschaftlich ist das kaum zu klären:
Es gab und gibt Gesang zur Begleitung von Arbeit. Es gibt immer schon den Gesang von Müttern (und Vätern) zur Beruhigung von Säuglingen. Es gibt den Gesang zur Unterhaltung. Es gibt ihn als ergriffenen Ausdruck von Dankbarkeit und Freude, von Angst und als Ausdruck des Protestes, usw. In der jüdischen Tradition gibt es Gedanken zum Schöpfungshandeln Gottes, wonach das erste Wort, der erste Schöpfungsruf Gottes, nicht einfach gesprochenes Wort, sondern ein Schöpfungsgesang war. Welch ein schöner Gedanke! Nicht: "Und Gott sprach:", sondern "Und Gott sang: Es werde…"

Mir persönlich ist wesentlich bei allem, dass Singen Verbundenheit und Nähe vermittelt. Die Mutter, die ihren Säugling singend beruhigt, zeigt ihm liebevolle Nähe. Menschen, die miteinander singen, sind einander nah. Wenn mich der Gesang eines anderen Menschen berührt, bewegt er oder sie mein Innerstes und kommt mir darin ganz nah. Das Protestlied ruft in die unterstützende, gemeinschaftliche Solidarität. Wenn ich in der Kirche ein Loblied singe oder einen Bittruf, dann singe ich mich zu Gott hin, ja irgendwie "in Gott hinein". Gesang ist Ausdruck von Verbundenheit und stellt Nähe her.

Gesang ist aber auch etwas sehr Intimes. Es braucht Mut, die eigene Stimme und eigenen Stimmungen offen zu legen. Wenn das Herz voll ist, dann geht einem durchaus der Mund über. Aber nicht immer sollen und wollen das alle hören. Menschen schämen sich mitunter schnell für ihr Singen, ihre Stimme, ihre Gefühle. Und es kann weh tun, wenn jemand sagt: "Du singst ja krumm und schief!" Der Großvater meiner Frau, ein frommer Mann und lange Jahre im Gemeindechor zu Herrnhut, war im hohen Alter blind und schwerhörig. Es machte ihn traurig, als ihm Leute sagten, er solle nicht so laut im Gottesdienst mitsingen. Aber er traf nun mal tatsächlich in seiner Schwerhörigkeit die richtigen Töne nicht mehr. Er sah das ein und gab sich durchaus dankbar (!) für die Kritik - und so setzte er sich im Gottesdienst möglichst etwas abseits der Gemeinde. Dort aber sang er weiterhin. Lassen, konnte und wollte er das Singen nicht…

Gesang kann zutiefst berühren und entrücken. Eine schöne Stimme, ein gutes
Lied, kann mir die Tränen in die Augen und Schauer über den Rücken treiben und
ein Glücksgefühl bescheren, das mir für einen Moment alle Lasten des Lebens
nichtig werden lässt. Das sind dann nahezu mystische Momente, in denen ich mich
eins fühle mit denen, die singen und mit denen, die besungen werden - im
Gottesdienst eben mit der Gemeinde und mit Gott. Ein Moment intensiver Nähe und
Verbundenheit! Ob im Gottesdienst, im Konzert oder dem stillen Kämmerlein
(Dusche!😊): Gesang erhebt und erbaut. Gesang kann mich entrücken. Ich singe
mich Gott entgegen. Ich persönlich habe durchaus das Gefühl: beim Singen komme
ich Gott näher, vielleicht einfach, weil ich tatsächlich "aus mir heraus" gehe und mich in besonderer Weise preisgebe. Der Theologe Manfred Josuttis schrieb: "Singen ist ein Akt selbstvergessener, gottgegründeter Lebensbejahung."

In den Psalmen singen Berge und Täler und die Gestirne werden zum Lobe
Gottes aufgefordert. Der ganze Kosmos kann zum Lobe Gottes ins Singen geraten.
"Die Welt ist Klang", so hat es der Musikwissenschaftler Joachim Ernst Behrendt
einst beschrieben. Wenn wir zur Ehre Gottes singen, dann sind wir ein Teil dieses kosmischen Lobgesangs. Ist es nicht ein erhebender Gedanke, dass ich - mit meinem kleinen Gesang - (m)einen Teil zum "Weltenklang" beitrage?! Sei es mit enthusiastischem Lobgesang, sei es als Mitseufzen mit der auf Erlösung harrenden "Kreatur", unserer "Mitwelt" (vgl. Römer 8,22). Singen erbaut, erhebt, entrückt, tröstet. Selbst Trauer- und Klagelieder! "Der Blues", so sagte einmal der Musiker Paul Geremia, "ist keine Musik, die traurig macht, sondern hilft, die Trauer zu überwinden."

Auf jeden Fall muss ich mich in meinem Gesang niemals allein fühlen. Ich bin
ein Teil der Welt, die singt, verbunden mit all den anderen, die singen. Verbunden mit Gott, in den ich mich hineinsinge und der mir Kraft und Hoffnung gibt. Immer wieder.
"Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder!" Amen.


Gebet

Mit Leib und Seele singen wir, Gott,
manchmal vor Glück,
manchmal voll bitterer Klage.
Manchmal können wir gar nicht mehr singen,
und werden doch mitgerissen von den Liedern,
die um uns erklingen und unsere Seele erfassen.
Lass, Herr, den Klang des Lebens,
der die ganze Schöpfung erfüllt,
auch in uns laut werden.
Lass uns deine Macht rühmen, wenn wir schwach sind.
Lass uns für deine Gemeinschaft danken,
wenn wir einsam sind.
Lass uns deine Herrlichkeit loben,
wenn uns unser Leben sinnlos erscheint.
Nimm dich unser gnädig an, rette und erhalte uns,
denn dir allein gebührt
der Ruhm und die Ehre und die Anbetung,
dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist,
jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.


Bleiben Sie behütet!
Ihr Pfarrer Gernot Hübner

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