Aktuelles aus unseren Kirchengemeinden

Predigt zum Sonntag "Palmarum", 5. April 2020, Pfarrer Gernot Hübner, Niederdünzebach

Sa 04.04.2020 19:00
Niederdünzebach am Sonntag "Palmarum", 5. April 2020

"Sie nahmen Palmzweige und gingen hinaus ihm entgegen und riefen: Hosianna!
Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn, der König von Israel!"
Johannes 12, 13

Liebe Gemeinde!

"Hosianna!" - es ist ein echter(!) Freudenruf, mit dem Jesus empfangen wird. Wenige Tage später ist die Stimmung gekippt und viele werden rufen: "Kreuzigt ihn!".

So schnell kann es gehen im Leben: von der Freude zum Hass, von der Dankbarkeit zur eiskalten Verachtung. Am Anfang steht die Freude über einen Heilsbringer: Jesu Ruf, dass er Kranke heilen, ja Tote auferwecken könne, war ihm vorausgeeilt. Da kam einer, von dem ging schöpferische Lebenskraft aus; der brachte Heilsames und Heilung in das Leben der Menschen. Menschen fühlten sich gesehen, anerkannt und angenommen, versöhnt mit dem schweren, eigenen Leben - Gottes Wirklichkeit war spürbar in seiner Nähe. Und dazu brachte Jesus einen Gegenentwurf zu den Haltungen der irdischen Machthaber unter denen viele Menschen so sehr litten: Er setzt sich, als er die "Hosianna!"-Rufe hört, - zeichenhaft(!) - auf ein Eselchen und erinnert so an die alten kritischen Einwürfe der Propheten Gottes zu den Königen ihrer Zeit. Kein Einzug mit Protz und Gloria. Keiner, der vom hohen Ross auf die Menschen herabblickt und mit Willkür und Menschenverachtung herrscht. Jesu Programm liest sich so: "Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an. Aber so ist es unter euch nicht; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele." (Markus 10, 42-45) Jesus verstand seine Macht als eine "Vollmacht", also eine ihm anvertraute Macht. Das ist keine selbstherrliche Macht, sondern eine Macht unter Verantwortung - im Namen Gottes für die Menschen. Viele, vor allem die Schwachen, die Armen und Kranken, wurden ergriffen und waren begeistert. Ja, aus diesem Geist sollte und wollte man leben! Das war Lebens-geist! So wird Leben für alle möglich!! Das Prinzip im Namen Gottes: Einander dienen und dem Leben jedes einzelnen Wertschätzung entgegenbringen. Vor allem und besonders: den Kranken, den Armen und Schwachen, den Witwen, Waisen, Alten, den Benachteiligten und (Hört!) den Schuldbeladenen - denn keiner bleibt ohne Schuld, keiner ist fehlerlos, niemand ist perfekt.

Die Freude war echt am Anfang - aber die Gegner formierten sich. Nicht alle waren begeistert. Es gab einige, die ihre Vorteile hatten, auch in den schweren Zeiten. Für die war der Geist, den Jesus im Namen Gottes brachte, eine Bedrohung. So machten sie Stimmung gegen Jesus. Und viele der anfangs begeisterten Menschen ließen sich wieder verführen. Manche waren ohnehin enttäuscht, als sie merkten, dass Jesu Lebensgeist auch von ihnen eine Haltung und ein Verhalten einforderte. Jesus machte sich keine Freunde, als er in einem Zornesausbruch die Händler aus dem Vorhof des Tempels trieb, mit der Begründung, das sei ein Haus zum Beten und nicht zum Geschäfte machen. Ein Haus, um zur Besinnung zu kommen und nicht, um sich an anderen zu bereichern. "Alles hat seine Zeit" (Prediger 3, 1-8) und seinen Ort und der Tempel und der Gottesdienst sind weder der Ort noch die Zeit für’s Geschäfte machen. Da konnten seine Gegner anknüpfen, um die Stimmung zu wenden: "Da spielt sich einer auf!" - "Der will euch die Freiheit nehmen, zu tun, was ihr wollt!" - "Der gefährdet die politische Stabilität!" - "Der lästert Gott!" - "Der muss weg!".

Wir sehen gegenwärtig eine Fülle von schöpferischen Ideen und tatkräftigen Aktionen, mit denen Menschen anderen Menschen helfen. Wir sehen und hören viel Dankbarkeit. Es passiert viel Heilsames und Heilendes. Wir spüren schöpferischen Lebens-Geist! Gegen den Tod, gegen soziale Kälte, gegen Gleichgültigkeit! Wir sehen, wie die Schwachen, die Alten und Kranken tatsächlich besonders im Blick sind und versucht wird, sie zu schützen. Wir hören von Lohnverzichten zugunsten derer, die in Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit geschickt werden (Fußball!) usw.

Wir sehen aber auch, wie bereits kräftig Stimmung gemacht wird gegen die Einschränkungen, gegen diejenigen, denen vor kurzem noch uneingeschränkte Hochachtung zuteilwurde, den beratenden Medizinern, den bis zur Erschöpfung tagenden politisch Verantwortlichen, den Krisenstäben in den verschiedensten Bereichen. Menschen, die sich mühen, und die mitunter auch irren. Aber jeder Irrtum taugt als Anknüpfungspunkt für die, die die soziale, empathische, Stimmung wenden wollen. Da wandelt sich z.B. das Mitgefühl für die Italiener zu einer schroffen Antipathie: "Wieso sollen wir denen helfen? Die sind doch selbst schuld!" Wie schnell kann es gehen, dass Stimmungen kippen. Eben noch "Hosianna!" für all die Hilfe und den Schutz und Hochachtung für die Akteure und Betroffenen und schon bald wandeln sich die Rufe: "Weg mit ihnen!"

"Dienen" bedeutet ja nicht, jegliche Lebensfreude und jedes eigene Bedürfnis einzuschränken. Jesus hat gerne gefeiert, wenn es seine Zeit(!) hatte und seine Gegner versuchten ihn deshalb auch als "Fresser und Weinsäufer" (Matthäus 11,19) zu diffamieren. "Dienen" beinhaltet aber ein Verhalten der Rücksichtnahme und Aufmerksamkeit und des Einfühlungsvermögens für andere und die Fähigkeit, die eigenen Bedürfnisse auch einmal zurücknehmen zu können, die Fähigkeit auch zum Kompromiss und zum Teilen. Es kann nicht jeder Mensch zu jeder Zeit und an jedem Ort tun und ausleben, was er will. Das "Einander dienen" und die Übertragung von Vollmacht unter Verantwortung an Ämter und deren Amtsträger ist über die Jahrhunderte auch zu einem Grundprinzip der Demokratie geworden. Und wir sehen derzeit, wie heilsam und hilfreich dieses Prinzip in Krisenzeiten für die Menschen ist. Ich beneide keinen Amtsträger in diesen Zeiten, vielmehr habe ich Hochachtung vor dem Arbeitsaufwand in den Behörden und Ämtern und den Verantwortlichen in Politik und Gesellschaft. Wir brauchen Geduld! Die Verhältnisse zehren an den Kräften und der Geduld, ja, und es mag an in vielerlei Hinsicht haken und auch Fehler gemacht werden. Der größte Fehler aber wäre es, wenn sich der Geist des Mitgefühls in den Ungeist des "Jeder-für-sich" wandeln würde. Dann werden die Kreuze des Todes wieder mehr. Es kommt die Karwoche. Ich will beim "Hosianna!" bleiben. Es gibt einen Trost, inmitten all des Schmerzes… Amen.

Eine Woche der Stille und der Besinnung wünscht Ihnen

Ihr Pfarrer Gernot Hübner

» zurück