Aktuelles aus unseren Kirchengemeinden

Das Geheimnis der Versöhnung heißt Erinnerung

Di 20.04.2004
Es waren bewegende Stunden, als am vergangenen Montag eine Gruppe von älteren Menschen aus Weißrussland, die ehemals durch nationalsozialistische Gewalt zur Zwangsarbeit nach Hessen verschleppt worden waren, zu Gast in Eschwege war. Möglich gemacht wurde der Besuch durch die Arbeit einer kirchlichen Projektgruppe aus Linden bei Gießen, die sich mit Partnern in Weißrussland seit 1992 um Kontakte zu ehemaligen Zwangsarbeitern bemüht und seitdem schon viele Besuche organisiert hat.
Begrüßt wurde die Gruppe im Neustädter Gemeindehaus durch Pfarrer Heinrich Mihr und Dekan Dr. Martin Arnold für die Evangelische Kirche und Dr. Karl Kollmann für die Stadt Eschwege, die die Gruppe auch den ganzen Tag zusammen mit einigen anderen Eschwegen begleiteten. Ein herzlicher Empfang im Rathaus durch Bürgermeister Jürgen Zick schloss sich an. Dem folgte das Mittagessen im Eschweger Kreiskrankenhaus, an dessen Vorgängerbau sich eine Frau aus der Gruppe mit weniger guten Erfahrungen erinnerte. Verwaltungsdirektor Eisenhuth begrüßte dort die Gäste. Bei einem Besuch auf dem Heuberg wurden die Erinnerungen dann ganz lebendig. Die Gruppe fuhr zunächst zum Westring, wo sie von Pfarrer Stephan Bretschneider begrüßt wurde.
Am Ort des ehemaligen Lagers ergaben sich bewegende Momente. In der Gruppe befand sich nämlich auch Tamara Leonowa, Jahrgang 1937. Sie wurde 1944 zusammen mit ihrer Mutter und Großmuter aus ihrer Heimatstadt Luninez nach Deutschland verschleppt, zunächst nach Kassel, von da aus mit dem LKW nach Eschwege, wo sie im sogenannten Ostlandlager am Diebach untergebracht waren. Die dunklen Erinnerungen aus ihrer schrecklichen Kindheit wurden erhellt, als Tamara das Gelände am Westring wiedersah. Die kleinen Gärten glichen denen der Vergangenheit. Sie erinnerte sich auch an 4 tiefe Gräben, die wohl für die Lagerbewohner bestimmt waren, wenn sie erschossen werden sollten.
Dr. Kollmann hatte im Stadtarchiv neben einer Lager-Skizze eines Gefangenen
auch eine Liste mit Namen ehemaliger Zwangsarbeiter gefunden und diese zur der Begegnung mitgebracht. Auf der Liste befindet sich der Name von Tamara Leonowa. Auch der Besuch einer ehemaligen Lagerbaracke, heute zum Wohngebäude umgebaut, ließen bei Tamara Erinnerungen wach werden.
Sie erinnert sich, dass ihre Mutter täglich in Industriebetriebe der Stadt zur Zwangsarbeit verpflichtet war. Als Kind konnte sie nie das Lager verlassen und ihre Großmutter arbeitete in der Küche des Lagers. Im Lager waren auch noch Franzosen, Tschechen, und Polen als Zwangarbeiter untergebracht.
Bewegend waren auch die Schilderungen der Eschwegerinnen Elfriede Backhaus und Waltraud Herbst, die als Zeitzeuginnen zur Begegnung mir den Gästen eingeladen waren. Beide wohnten bzw. wohnen noch heute in der Nähe des Lagers. Frau Backhaus und Frau Herbst erinnern sich, wie sie als Jugendliche die Zwangsarbeiter täglich an ihrem Elternhäusern vorbeigehen sahen und Mitleid empfanden. Waltraud Herbst bekam trotz des strengen Verbots von ihrer Mutter den Auftrag, einer jungen russischen Frau, die täglich mit einem Kinderwagen vorbeikam, bei der nächsten Begegnung heimlich ein Päckchen mit Windeln und anderen Babysachen in den Kinderwagen zu legen. Als Dank kam nach der Befreiung des Lagers ein russischer Mann, auch das unter Gefahr, und brachte Familie Herbst einen Baumstamm, den sie zu Brennholz zersägten. Das Holz war ein Dank für den kleinen aber wichtigen Akt menschlicher Solidarität und Nächstenliebe.
Im Gemeindehaus der Auferstehung schloss sich bei Kaffee und Kuchen noch eine Gesprächsrunde an, bei der weitere anrührende Erfahrungen ausgetauscht wurden.

Viele der ehemals zu Zwangsarbeit in Deutschland Gezwungenen leben inzwischen nicht mehr oder sind nicht mehr reisefähig. Die 4 Frauen und 1 Mann erzählten während der Begegnung mit ihren Begleitern sichtlich bewegt und immer wieder unter Tränen, wie sie damals (1943 und 1944), oft noch als Jugendliche, in ihren Heimatorten von deutschen Soldaten oder SS-Männern zusammengetrieben wurden und in Viehwagen nach Deutschland transportiert wurden. Manche mussten zuvor noch mit ansehen, wie ihre Häuser niedergebrannt wurden. Häufig wurden sie dann wie auf den Sklavenmarkt den Interessenten an ihrer Arbeitskraft präsentiert. Die Bedingungen von Arbeit und Unterkunft waren unterschiedlich, in der Landwirtschaft oft etwas besser als in der Industrie. Entscheidend war aber immer für die Lage und Situation, ob Menschen sich solidarisch verhielten, Anteil nahmen, Unterstützung leisteten, Für viele hing das Leben am seidenen Faden.
Nach der Befreiung konnten viele Zwangsarbeiter in ihre vom Krieg zerstörte Heimat zurückkehren. Es begann aber dort ein weiterer Leidensweg. Nicht nur, dass sie nicht mehr Eltern Geschwister und Wohnungen vorfanden, sie wurden zudem vom stalinistischen Regime der Kolloboration mit dem Feind verdächtigt. Erst in den letzten Jahren der Sowjetunion war es dort möglich, offen über das Schicksal der Zwangsarbeiter zu sprechen.
Die kirchliche Projektgruppe unter der Leitung von Pfarrer Christoph Geist aus Linden hat es sich zur Aufgabe gemacht, in jedem Jahr kleine Gruppen von ehemaligen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern aus der Gegend von Brest einzuladen und mit ihnen an die ehemaligen Arbeitsorte zu fahren. Die Begegnungen mit und am Arbeitsort sind der wichtigste Teil des Besuchsprogramms, dienen sie doch der Aufarbeitung der Vergangenheit und sind durch Begegnung mit Zeitzeugen und Repräsentanten der jeweiligen Orte konkrete Schritte zur Versöhnung und zum Frieden, denn das Geheimnis der Versöhnung heißt Erinnerung.

Viele der ehemaligen Zwangsarbeiter beziehen heute nur kleinste Renten, die kaum ausreichen, um das Leben der alten Menschen abzusichern. Besonders die medizinische Versorgung ist unerschwinglich.
Die Stiftung "Verständigung und Versöhnung" hat 2001 in Brest/Weißrussland eine kleine Apotheke eingerichtet und eröffnet, in der ehemalige Zwangsarbeiter und noch andere lebende Opfer des Nationalsozialismus kostenlos Medikamente erhalten. Die Projektgruppe aus Linden bei Gießen ist für Spenden zur Unterstützung des Apothekenprojekts sehr dankbar. Spenden können das Ev. Pfarramt Neustadt 1 (Pfr. Mihr) und über das Ev. Dekanat Eschwege weitergeleitet werden.
Die Gruppe vor dem Eschweger RathausTamara Leonowa findet ihren Namen in einer Liste der GefangenenBewegende SchilderungenZeitzeuginnen aus Eschwege erinnern sichDas Geheimnis der Versöhnung heißt Erinnerung

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