Aktuelles Gesamtübersicht

Bericht über die Reise einer Delegation des Kirchenkreises nach Indien

So 01.02.2004
Seit 1983 gibt es eine ökumenische Partnerschaft zwischen dem Kirchenkreis Eschwege (EKKW) und dem Church District of Bellary (CSI). In diesem Zeitraum haben 6 Delegationen vor uns Bellary besucht und 6 Delegationen aus Bellary waren zu Gast in Eschwege. Die diesjährige Reise stand im Rahmen der regelmäßigen Besuchsreisen. Es lag eine offizielle Einladung durch Bischof Dr. Paul J.K. Balmi vom 18.11.2003 vor.

Zur diesjährigen Delegation gehörten Karin Perels, Hanno Brandl und Dr. Martin Arnold. Karin Perels ist aktives Mitglied der Marktkirchengemeinde in Eschwege. Hanno Brandl ist Kirchenvorsteher der Auferstehungskirchengemeinde in Eschwege. Er hat bereits an der letzten Delegationsreise im Jahr 2000 teilgenommen. Dr. Martin Arnold ist Dekan des Kirchenkreises Eschwege.

Bischof Dr. Balmi hatte Frederick Martin (Bellary) am 21.11.2003 gebeten, in Zusammenarbeit mit dem Eschweger Partnerschaftskreis ein Programm für die Reise auszuarbeiten. Mr. Martin ist Mitglied im Bellary Partnership Committee und gehörte zur letzten indischen Delegation, die Eschwege besuchte. Das Programm erreichte uns erst kurzfristig vor Beginn der Reise (siehe Anlage 1). Wegen der Flugverbindungen musste der ursprünglich geplante Zeitrahmen (8. bis 28.01.2004) verkürzt werden. Da die indischen Partner möglichst wenige Programmpunkte streichen wollten, wurde das Programm sehr gedrängt.

Der Indien-Partnerschaftskreis unter Vorsitz von Pfarrer Rolf Hocke (Waldkappel) hatte im Vorfeld der Reise einen Text für eine Partnerschaftsvereinbarung ausgearbeitet (siehe Anlagen 2a und b). Sinn und Zweck der Vereinbarung soll eine stärkere Verbindlichkeit in den Beziehungen sein. Die Delegation hatte die Aufgabe, diesen Text den indischen Partnern vorzustellen.

Weiter hatten wir die Aufgabe, uns über die jetzige Situation und zukünftige Perspektiven für konkrete Projekte zu informieren. Dazu gehört des Auto- und Motorradwerkstattprojekt in Bellary ("Eschwege Bellary Project"), das seit 1995 vom Kirchenkreis Eschwege gefördert wurde, und der Wiederaufbau eines Kindergartens in Sangankal, der von der letzten Eschweger Besuchsdelegation angeregt wurde.

Wir haben uns dazu entschlossen, den Bericht in Form eines Reisetagebuches zu geben. Dabei werden die Beiträge durch verschiedene Schrifttypen gekennzeichnet.











Sonntag, 4.Januar 2004
(MA)Wir werden im Gottesdienst der Marktkirchengemeinde Eschwege ausgesandt und für unsere Reise gesegnet. Im Gottesdienst sind viele Mitglieder des Indien-Partnerschaftskreises anwesend, die uns gute Wünsche und auch persönliche Briefe für die indischen Partner mit auf den Weg geben. Es tut gut, so viele gute Wünsche zu bekommen und sich von vielen Betern getragen zu wissen!

Allein die gesundheitlichen Risiken, die mit der Reise verbunden sind, lassen einige Sorgen aufkommen. Wir haben uns vorbereitet mit Impfungen (Tetanus, Diphterie, Polio, Hepatitis A und B, Typhus, aber nicht Tollwut) und durch Verhaltensmaßregeln (nur Mineralwasser aus verschlossenen Flaschen trinken, kein gewaschenes Gemüse essen, sich vor Moskitos durch Netze und Insektenschutzmitteln schützen). Zur Vorbeugung vor Malaria haben wir ein Medikament eingenommen.

Samstag, 10.Januar 2004
(MA)Wir brechen früh am Morgen um 6.45 Uhr von Eschwege mit dem Auto auf. Der Koffer wiegt 23 kg. Ich habe nicht nur meine persönlichen Dinge dabei, sondern auch Gastgeschenke (Herrnhuter Sterne und sog. "Lutherrosen" von der Wartburg). Außerdem den Laptop, die Digitalkamera und einiges Zubehör. Nach Auskunft des Reisebüros darf der Koffer nur 20kg wiegen. Wird es Probleme beim Einchecken geben?

Ich hole zunächst Karin Perels ab. Sie ist schon lange bereit, denn ihre Pfarrerin Sieglinde Repp-Jost hatte sie schon versehentlich eine Stunde zu früh besucht, um ihr Lebewohl zu sagen und ihr einen Brief an die "Fernreisenden" mitzugeben. Sebastian Perels begleitet uns zum Flughafen, er wird das Auto nach Eschwege zurückbringen. Im Ulmenweg holen wir Hanno Brandl ab, auch er ist startbereit. Über Hersfeld und Fulda (wo wir uns verfahren, weil wir eine Abfahrt zu früh die Autobahn verlassen!) gelangen wir sehr zeitig und ohne Probleme zum Frankfurter Flughafen. Sebastian macht ein Abschiedsfoto, das er mit einer kleinen Nachricht auf der Internetseite des Kirchenkreises veröffentlichen wird (www.kirchenkreis-eschwege.de), und verabschiedet sich von uns.

Das Einchecken an Terminal 1 (Lufthansa) verläuft ohne Probleme. Die Sorgen wegen dem Übergewicht der Koffer erweisen sich als unbegründet. Bei den Sicherheitskontrollen wird der Laptop in meinem Koffer entdeckt. Ich muss den Koffer öffnen und den Laptop in Betrieb nehmen. An der Bibel neben dem Laptop und dem "Common Worship"-Buch erkennt die Sicherheitsbeamtin, dass ich Pfarrer bin. Augenblicklich dürfen wir passieren. Im Wartebereich öffnen wir Sieglindes Brief, der uns Mut macht für die Reise.

Der Start des Flugzeuges (Airbus 340-300) verläuft ohne Probleme. Die Wolken sehen von oben aus wie Zuckerwatte oder eine riesige Schneelandschaft. Die Sonne scheint aus einem strahlend blauen Himmel herab. Irgendwo über Syrien gibt es ein warmes Essen: Truthahnfleisch, Reis, gemischter Salat mit Yoghurt-Dill-Sauce, ein Brötchen und ein Stück Käsekuchen. Nachdem ich den Salat gegessen habe, sagt meine Sitznachbarin aus den USA: "Ich habe den Salat nicht gegessen, weil ich nicht weiß, ob er aus Indien oder aus Deutschland kommt!" Inzwischen geht am Horizont über den Wolken die Sonne unter.

Um 15.45 Uhr (MEZ) ist es draußen ganz dunkel. Ab und zu sieht man die Lichter einer Stadt. Wir müssen einen umfangreichen Fragebogen ausfüllen für die Einreise nach Indien.

Jetzt ist es in Bangalore, unserem Zielflughafen, schon 22 Uhr. Ich lese in meinem Reiseführer, dass wir in Indien reich sein werden: Für einen Euro bekommt man ca. 50 Rupies. Zum Vergleich: 1 kg Reis kostet 7 Rupies, 100 km Bahnfahrt 22 Rupies, ein Essen 20 Rupies und ein Fahrrad 1000 Rupies.

Unter uns sehe ich das Lichtermeer von Karachi. Ich stelle die Uhr auf indische Zeit um, es ist 6 Minuten nach Mitternacht. Zum Abendessen haben wir die Wahl zwischen "Western food" und "Indian food". Ich entscheide mich für das indische Gericht: Reis mit einer Käsesauce, sehr scharf (ein Vorgeschmack auf das Kommende!), dazu geröstete kleine Kartoffel. Als Nachspeise gibt es ein süßes Teil mit Kokosflocken. Wird man uns am Flughafen abholen? Wo werden wir die nächste Nacht schlafen?

Um zwei Uhr in der Nacht haben wir ein Hotel gefunden. Wir wurden leider nicht am Flughafen abgeholt. Ein "Vermittler" am Flughafen bot an, uns mit einem Taxi in ein nahe gelegenes Hotel zu bringen. Es heißt "Royal Inn" und hat immerhin eine Dusche und eine Klimaanlage.

(KP) Um 7.00 Uhr starten wir in Richtung Frankfurt Airport. Wir checken gegen 11.Uhr ein und starten pünktlich um 11.45 Uhr. Der Flug war lang, aber ohne Probleme. In Bangalore kommen wir gegen 2.00 Uhr nachts Ortszeit aus dem Flughafengelände. Abgeholt werden wir nicht - so übernachten wir in einem Hotel nahe dem Flughafen, zu dem wir mit einem Taxi gefahren werden. Gegen halb vier Uhr morgens schlafe ich ein und um 6.00 Uhr wache ich auf und fühle mich munter.

Sonntag, 11.Januar 2004
(MA)Um 6.30 Uhr bin ich wach geworden, um halb Acht aufgestanden. Das Hotelzimmer hat keine Fenster. Die ganze Nacht lief mit ziemlichem Geräusch der Ventilator, hauptsächlich um die Moskitos zu vertreiben. Ich habe gefroren durch den kalten Wind von oben. Leider lässt sich auch das Licht im Raum nur gemeinsam mit dem Ventilator ein- und ausschalten, so dass ich im Hellen schlafen musste. Immerhin kommt warmes Wasser aus der Leitung im Bad.

Nach dem Frühstück verlassen wir das Hotel und nehmen ein Taxi zum "Union Theological College" (UTC). Es wird eine lange Suche. Der Taxifahrer erreicht das Ziel erst, als er auf seinem Handy mit einem Mitarbeiter der Synode der CSI telefoniert hat. Im UTC stellen wir uns als Gäste der Synode vor, aber dort weiß man zunächst nichts von einer Synode! Ich bitte um ein Gespräch mit Dr. Jathanna, dem Direktor des UTC. Er kommt dann mit einem Wagen vom Versammlungsort der Synode und holt uns ab. Zuvor dürfen wir noch zwei Zimmer im UTC beziehen. Dr. Jathanna ist ein sehr freundlicher, bescheidener Mann, etwa 55 Jahre. Er spricht sehr gut deutsch, weil er bei Heinrich Ott in Basel promoviert hat. Er hat vor vielen Jahren als Student bei Gerhard Wehmeier - damals Dozent am UTC - Hebräisch gelernt!

Die Synode der CSI findet weit entfernt vom UTC auf dem Gelände der "Bishop Cotton Boy’s School" statt. Das Schulgelände wird durch Sicherheitskräfte bewacht. Auf dem Gelände sind überall rote Teppiche ausgelegt. Im Mittelpunkt steht ein repräsentatives Gebäude, das eher an ein Kongresszentrum oder eine Bank als an eine Schule erinnert. Die Diözese Bangalore, der diese Schule gehört, ist die reichste in der CSI. Die Karnataka Northern Diocese hingegen ist eher arm, wie man uns sagt. Die Synodalen sind alle in einem vornehmen Hotel untergebracht, das wir später noch kennen lernen werden.

Wir hören, dass es die erste Synode der CSI in Bangalore überhaupt ist. Der Tagungsort steht offensichtlich im Zusammenhang mit der Wahl von Bischof Vasanth Kumar zum "Moderator" der CSI. Auf dem Gelände macht uns Dr. Jathanna zunächst mit Bischof Dandin und seiner Frau bekannt, dem früheren Bischof der KND und Vorgänger von Bischof Balmi. Über ihn kommen wir in Kontakt zu Mrs. Harriet Prema Kundargi. Eine wichtige Begegnung! Denn sie wird für den ganzen weiteren Aufenthalt zu unserer ständigen Begleiterin. "Harriet" erinnert sich an mich, denn sie war an Christi Himmelfahrt 2002 mit einer indischen Tanzgruppe in Eschwege zu Gast bei einem Gottesdienst im Grünen.

Sie führt uns über das Synodengelände, erzählt über ihre sozialdiakonische Arbeit im Bellary church district und wir erfahren, dass sie auch Mitglied im Area Council der KND ist. Doch wo sind die anderen Delegierten aus Bellary, wo ist Bischof Dr. Balmi? Von Dr. P.Surya Prakasch, einem Mitarbeiter des "ems" in Stuttgart, erfahren wir, Bischof Balmi und mit ihm den Synodalen aus der KND sei die Teilnahme an der Synode "verboten" worden!

Später werde ich in den Synodenunterlagen den Bericht von Bischof Balmi an die Synode lesen. Darin heißt es: "Before I submit my report to you, I would like to share few of the political siuations that prevailed in the Diocese for the last two years. The Diocese and her leadership has experienced a very bad and critical situation in her life and administration. The constant ongoing ligitation went on for two years. It was because of misunderstandings, miscalculations and mainly investigations by people acting in groups and individuals, to block the administration for their self protection of power and their selfish motivations. But we have experienced the presence of God with us in the darkest period of our lives when we actually passed through ‘The valley of the shadow of death’. The false allegations and information made by some selfish persons led the Synod Officers to keep the Diocese paralysed and never tried to bring normalcy in the Diocese. We have experienced that not by power or might, but by the guidance of the Holy Spirit we are able to have the normalcy in the diocese and smooth administration is prevailed in the diocese.”

Harriet telefoniert drei oder vier Mal mit Bischof Balmi, der sie darum gebeten hat, uns bei unserem Besuch zu begleiten. Wir erfahren, dass sich Bischof Balmi noch heute mit uns treffen möchte. Aber wo ist er? Wir essen mit der Synode, zum ersten Mal mit Fingern! Man gewöhnt sich daran.

Die Synode steht unter dem Motto "Fullness of Life in Christ for all". Wir erfahren von Harriet, dass am Vortag Wahlen stattgefunden haben. Bischof Vasantha Kumar aus Bangalore wurde zum zukünftigen ("deputy") Moderator gewählt, Mrs. Pauline Satiamurthy zur "general secretary". Schatzmeister ist wohl weiterhin Frederick William.

Wir hören eine Rede von Dr. Mrs. Aruna Gnanadason, die z.Zt. beim ÖRK in Genf arbeitet. Aus ihrer bemerkenswert offenen und kritischen Ansprache nur einige Stichworte: Wird die CSI ihre sozialen Dienste mehr und mehr kommerzialisieren? Die AIDS-Problematik in Indien ist gravierend (ca. 38-46 Millionen Menschen in Indien sind infiziert). Wegen ihrem Minoritätenstatus hat sich die Kirche zu lange vor ihrer öffentlichen Verantwortung versteckt. Zur indischen Spiritualität gehört die soziale Verantwortung. Die Kirche hat das Kastensystem und die Korruption in sich aufgenommen. Sie ruft auf zum politischen Engagement und zur Befreiung der "Dalits".
Ich frage Harriet, ob diese Rede repräsentativ für die CSI sei oder eher eine Außenseiterposition darstelle. Das ist Harriet jedoch selbst nicht klar.

Es spricht ein Bischof, von dem Harriet sagt, er sei korrupt und strebe nach Macht. Wir kommen auf die Wahlen am Vortag zu sprechen. Sie ist noch immer zornig und deutet an, dass nicht alles mit rechten Dingen zugegangen ist.

Am Abend ist der Synodalsaal voll, als der Ministerpräsident des Staates Karnataka zu Gast ist. Er hat seinen Tourismusminister mitgebracht, der Christ ist und zur CSI gehört. Das Fernsehen und viele Fotografen sind anwesend, der Besuch ist ein großes Ereignis für die CSI und von öffentlicher Bedeutung. Der Tourismusminister sagt in seinem Grußwort: "Wo immer ich ein Kreuz sehe, ist der Einfluss der Menschlichkeit nicht fern." Und zu den Synodalen gewandt: "Teach the people to practise the presence of God". Der "Moderator" Bischof Dr.B.P.Sugandhar verweist in seinem Grußwort darauf, dass die CSI eine weltweite Kirche ist, die aus vier verschiedenen Kirchen entstanden ist. Auch ein ehemaliger muslimischer Minister ist mit auf dem Podium zu Gast. Er lobt das Engagement der CSI im Erziehungs- und Gesundheitswesen.

Höhepunkt ist die Rede des Ministerpräsidenten. Er betont, es gebe keine "second-class-citizens". Die Welt brauche nichts mehr als Einheit. Und: "We belong to this nation, we belong to humanity". Und ein Sprecher der Synode antwortet auf das Grußwort des Ministerpräsidenten: "We are truly Indian."

(KP) Nach dem Frühstück im Hotel landen wir nach langer Taxifahrt (Bangalore ist eine 5-6 Mio.-Stadt) im UTC (Hochschule für Theologie). Dort bekommen wir unsere Zimmer zugewiesen.

Vom Direktor der Hochschule, Mr. Dr. Jathanna werden wir zur CSI (Synode Südindien) auf dem Gelände der Bischops Cotton`s Boys School, gefahren. Wir sind dort als Gäste eingeladen. Dort treffen wir auf den ehemaligen Bischof Rev. Dandin des Karnataka Nord District und auf eine kirchlich soziale Mitarbeiterin, Mrs. Harriet Prema Kundargi, die uns in Empfang nimmt und sich in den nächsten Tagen um uns kümmern wird. Sie selbst war auch schon einmal im Rahmen des Partnerschaftskreises in Eschwege.

Die CSI macht auf mich einen sehr repräsentativen, reichen Eindruck mit Kirchentagscharakter. So sind beispielsweise die Stühle mit weißem Stoff und großen Schleifen geschmückt, die Wege im Außengelände sind mit rotem Teppich ausgelegt.

Mittags essen wir das erste mal mit Händen.

Wir verbringen die Zeit bis zum Dinner in der New Bishops Hall, wo beispielsweise Mrs. Raune (?) (Mitglied des ökumenischen Rates der Kirche) eine beeindruckende Rede hält und der Ministerpräsident Karnatakas erscheint. Anschließend gibt es ein nettes kulturelles Programm der Cottons Boys School.

Das Dinner nehmen wir mit Harriet und zwei ihrer Freunde, Mona und Ismail in einem für indische Verhältnisse noblen Restaurant ein. Gegen Mitternacht liege ich im Bett.

Montag, 12.Januar 2004
(MA)Nach einem schlechten Schlaf gehen wir im UTC zum Frühstück: Einfaches Weißbrot mit Marmelade und Kaffee. Danach fahren wir mit einer Dreiradrikscha zur Synode. Schon vor dem Eingang zum Gelände erwartet uns Harriet mit drei Freunden: Muna (ein befreundeter Taxifahrer aus Bombay), Ismail (ein befreundeter Bauingenieur ebenfalls aus Bombay) und der Taxifahrer Peter Scott aus Bangalore. Muna und Ismail sind übrigens Muslime, Peter ist katholischer Christ. Wir fahren gemeinsam zum Gästehaus von Bischof Balmi in Bangalore. Es liegt in bester Gegend mitten in der Stadt, in einem Gewerbegebiet, das den Diözesen Karnataka Nord, South und Central gemeinsam gehört und wohl erhebliche Immobilieneinnahmen erbringt. Das Gästehaus ist erst im Dezember eingeweiht worden und sehr vornehm für indische Verhältnisse. Wenn Bischof Balmi in Bangalore ist, nimmt er hier Quartier.
Wir werden hinein gebeten, erst nach einer Weile betritt der Bischof den sehr kahlen Raum. Auch Frau Balmi ist anwesend. Der Bischof wirkt auf mich etwas geknickt. Ich überreiche ihm als Gastgeschenk eine Lutherrose mit einigen Erläuterungen. Wir kommen darauf zu sprechen, dass die indischen Lutheraner nicht zur CSI gehören. Dies habe jedoch materielle Gründe (die Lutheraner sind reich im Vergleich zur CSI), im Blick auf das Bekenntnis gebe es keine Probleme.
Dann frage ich ihn, warum er nicht bei der Synode anwesend sei. Damit habe einen Nerv getroffen. Sein Gesicht wird finster. Man habe ihm und den Delegierten von zwei anderen Diözesen nicht erlaubt an den Wahlen teilzunehmen, weil sonst keine Mehrheit für den neuen "Moderator" zustande gekommen wäre. Es gehe schlicht um Macht und Posten bei der ganzen Sache.
Nach dem Gespräch machen wir Erinnerungsfotos vor dem Gästehaus und gehen in ein Kaffeehaus. Einige andere Leute aus seiner Diözese, die in der Partnerschaftsarbeit engagiert sind, kommen hinzu. Ich schenke dem Bischof eine Karte unseres Kirchenkreises und gebe ihm meine Visitenkarte.
Danach besuchen wir mit Harriet und ihren Freunden einen Hindu-Tempel. Harriet verweist auf eine Preistafel im Eingangsbereich des Tempels und meint, dass dort Gottes Zuwendung nur gegen Geld verkauft werde. Wir besuchen weiter in Bangalore den Palast des Sultans, den Bannerghatta National Park (dort gibt es Tiger, darauf sind die Inder besonders stolz), verschiedene Geschäfte und ein Kaufhaus. In einem Laden für Seidenstoffe zähle ich 22 Bedienstete!
Der Abend schließt mit dem Essen in einem indischen Restaurant.

(KP)Um 9.30 Uhr Treffen mit Harriet auf der Synode. Zusammen fahren wir zum Gästehaus des Bischofs Rev. Balmi. Er empfängt uns für ca. 1 Stunde und nach dem Empfang gehen wir mit ihm und zwei weiteren Rev. Kaffee trinken.

Harriet, Mona und Ismail fahren mit uns zum Nationalpark, um uns stolz die dort lebenden Tiger und Löwen zu zeigen. Wir nehmen an einer Art Foto-Safari teil. Auf dem Weg dorthin halten wir immer wieder an, um Früchte zu essen oder Kokosmilch und Rohrzuckersaft zu trinken.

Nach einem reichhaltigen Dinner kommen wir vor Mitternacht in unsere Betten.

Dienstag, 13.Januar 2004
(MA)Um 6.30 Uhr werden wir von Harriet und ihren Freunden vor dem UTC abgeholt. Wir fahren zunächst zu dem Hotel, in dem die Synodalen untergebracht sind. Dort bitten wir das hauseigene Reisebüro, uns die Rückflüge bestätigen zu lassen.
Von dort fahren wir zu einem Tagesausflug nach Mysore, etwa 3 Stunden südlich von Bangalore. Unterwegs machen wir immer wieder Pause, um frische Früchte zu essen oder einen Kaffee zu trinken. Wir besuchen verschiedene Paläste von Tipu Sultan, einem muslimischen Herrscher des 18.Jahrhunderts. Er bemühte sich um ein friedliches Miteinander von Islam und Hinduismus, was bis jetzt im Wesentlichen im Süden Indiens gelungen ist. In Mysore besuchen wir den Palast des Maharadschas aus britischer Zeit. Eine ungeheure Prachtentfaltung!
Auf dem Rückweg bekamen wir etwas Angst durch den Fahrstil von Muna. Er überholte unentwegt, tollkühne Manöver. Oft denkt man: Wer hat die besseren Nerven, wenn erst im letzten Moment einem Zusammenstoß ausgewichen wird. Erst als Karin ihn bat, etwas langsamer zu fahren, wurde es besser. Kein Vergleich mit deutschen Verhältnissen!

Im Auto unterhielt ich mich mit Peter Scott, einem der Freunde Harriets. Er hat keine Schule besucht und ist von Beruf Taxifahrer. Sein Taxi gehört ihm selbst. Er fährt 18 Stunden am Tag, von morgens um 4 Uhr an. Zwischendurch isst er etwas an Imbissständen. Er kennt die ganze riesige Stadt (ca. 5 Millionen Einwohner) ohne Stadtplan. In 24 Jahren hatte er keinen einzigen Unfall mit Personenschaden, nur leichte "attachments". Es gebe im Straßenverkehr "no rules", aber es gehe trotzdem alles gut. Morgens vor dem Aufstehen betet er 10 Minuten, dass Jesus ihn beschützt. Dann geht es los auf die Straße. Er hat feste Tarife und Abmachungen mit Hotels, denen er Kunden bringt. Sein Verdienst liegt bei monatlich 10.000 Rupies, das sind 200 Dollar. Seine Frau ist Grundschullehrerin, sie verdient bei ganzer Stelle nur 1500 Rupies. Peter sagt, er habe zwei Frauen: Sein Auto und seine richtige Frau. Er hat zwei Kinder, eine Tochter (7 Jahre) und einen Sohn (12 Jahre). Beide besuchen die Schule, an der auch seine Frau unterrichtet. Er, der selbst keine Schule besucht hat, hält den Schulbesuch seiner Kinder für sehr wichtig. Nur sonntags hat er frei. Dann geht er in die Kirche und hat Zeit für seine Familie. Er sagt von sich, er sei 24 Stunden am Tag glücklich!

Harriet erzählt, dass sie ihren Mann, der von Beruf Landwirt ist, dazu "gezwungen" habe, als "area secretary" zu kandidieren. Dies ist - im Unterschied zum "area chairman" - ein Ehrenamt. Sie ist eine "Powerfrau" mit klarem Glauben und praktischen Zielen, sie will in der Kirche etwas bewegen. In ihrer Gastfreundschaft ist sie unglaublich großzügig. Sie lädt uns immer wieder zum Essen ein, wählt das Essen für uns aus, zahlt alle Eintritte, Zwischenmahlzeiten und Trinkgelder, erledigt alle Formalitäten für uns und ist immer überaus freundlich.

Auch Harriets Arbeit in der Kirche geschieht ehrenamtlich. Vielleicht kann sie deshalb so offen und ungeschützt reden. Wenn man wissen wolle, wie die Dinge wirklich liegen, solle man sie fragen. Sie habe sich selbst darum bemüht, uns in Indien begleiten zu dürfen. Der Bischof habe sie dann mit dieser Aufgabe betraut. Sie habe jedoch keine Ankunftszeit erfahren, kein Foto bekommen und auch kein Programm. Offensichtlich gab es interne Kommunikationsstörungen.

(KP)6.00 Uhr Treffen im UTC, um nach Mysore zu starten.

In Mysore gibt es viele Kulturdenkmäler, u. a. einen prächtigen Palast des Tipu Sultans. Wir erfahren viel über die Geschichte Indiens. Tief beeindruckt und voll mit Informationen fahren wir die 120 km wieder zurück - gegen Mitternacht schlafe ich ein.

Harriet ist eine sehr aufgeschlossene und emanzipierte Frau, die sich für andere Menschen in vielen Bereichen einsetzt. Sie hat in ganz Karnataka Verbindungen zu anderen christlichen Gemeinden und Einrichtungen und hat einen guten Durchblick über die Geschehnisse. So erzählt sie uns einiges über ihr eigenes und über andere bereits laufende Projekte, ebenso über die angefochtenen Wahlen des Bischofes Balmi und das z. Z. noch anhängende Verfahren.



Mittwoch, 14.Januar 2004
(MA)Am Rande der Synode treffe ich Pfarrer Konesagar und seine Frau. Er war einige Jahre als Gastpfarrer in Melsungen.
Dann lassen lassen wir die erste Station unserer Reise hinter uns und machen uns auf den weiten Weg nach Dharwad. Erst spät abends kommen wir an. Wir sind untergebracht in einem "Lay and Retreat Centre" auf dem "Compound" des Bischofs in Dharwad. Das Bett kann mit einem Moskitonetz ganz eingehüllt werden. Beim Transport auf dem Dach des Autos nahm mein Koffer Schaden, eine Gürtelschnalle riss ab. Doch Muna brachte ihn zu einem Schneider und ich erhielt ihn noch am selben Tag repariert zurück.
Nach dem Frühstück besichtigen wir die riesigen Schulen in Dharwad. Sie sind in kirchlicher Trägerschaft und werden von ca. 2.600 Kindern besucht. Dazu gehören auch entsprechende Wohnheime. Das "Girls Home" in Dharwad hat auch Harriet besucht.
Anschließend besuchen wir Familie Konesagar im Pfarrhaus. Frau Konesagar erzählt, dass die Kirche erweitert werden musste, weil sie die vielen Besucher nicht fassen konnte. Am nächsten Sonntag wird das Examen in der "Sunday School" abgenommen. Etwa 300 Kinder (!) werden daran teilnehmen! Die Gemeinde unterhält auch ein Altenheim mit 9 Plätzen.

Von Dharwad aus fahren wir weiter in das nahe gelegene Hubli, wo wir Familie Niranjan besuchen. Ravi Niranjans Gemeinde ist mit ca. 5.000 Mitgliedern die größte der gesamten Diözese. Sie wird von drei Pfarrern gemeinsam versorgt. Alle drei haben im Juni des vergangenen Jahres gemeinsam in der Gemeinde begonnen. Die Kirche liegt auch dort auf einem größeren "Compound". Auch sie ist zu klein geworden und soll erweitert werden. Viele der Gemeindeglieder wohnen rund um den Compound. Auch einige Hindus und wenige Muslime sind in der Gemeinde zum Christentum konvertiert.

Hanna Niranjan, ebenfalls Pfarrerin (es gibt nur ganz wenige "Lady pastors" in der CSI) versorgt eine Dorfgemeinde in der Nähe von Hubli. Das Geld für einen Kirchenbau dort hat sie in Deutschland gesammelt. Sie zeigt uns voller Stolz ein Bild ihrer Kirche. Die Gemeinde in Hubli hat insgesamt vier Tochtergemeinden gegründet. Und dennoch ist die Kirche jeden Sonntag übervoll.

(KP)8.00 Uhr Frühstück
Weiterfahrt nach Dharwad mit Harriet, Mona und Ismail gegen 14.30 Uhr. Die Zeit nach dem Frühstück bis zur endgültigen Abfahrt (geplante Abfahrt 9.30 Uhr!!) nutzen wir mit Gesprächen mit Menschen, die wir auf der CSI treffen.

Ankunft in Dharwad gegen 2.00 Uhr nachts. Wir kommen im Gästehaus des Bischofes unter. Harriet trifft dort ihre Kinder Steffi (15 Jahre), Kevin (13 Jahre) und Shinie (11 Jahre). Sie leben sonst in einem Internat und kommen nur in den Ferien nach Hause.

Donnerstag, 15.Januar 2004
(MA)Heute fahren wir von Dharwad nach Goa, um uns dort am Meer einen Tag von den Anstrengungen der Reise zu erholen. Die Herfahrt von Hubli aus ist ein Abenteuer. Eine schmale, löchrige Straße, manchmal ganz ohne Teerdecke, oft sehr kurvenreich, und unglaublich viele Lastwagen. Durch riskante Überholmanöver kam es zu Unfällen mit liegen gebliebenen LKW und manchmal geht nichts mehr vor und zurück. Wir brauchen von Hubli nach Goa sieben Stunden und erreichten unser Ziel erst gegen 0.30 Uhr in der Nacht. Unterwegs im Auto ergeben sich interessante Gespräche zwischen Harriet, Ismail und Muna. Normalerweise, sagt Ismail, sprechen sie nie über Religion, obwohl sie gut miteinander befreundet sind. Doch im Stau entwickelt sich eine interessante und leidenschaftliche Diskussion. Kann Gott Mensch werden? Wie verhalten sich Islam und Christentum zueinander? Ismail nimmt seinen Glauben sehr ernst. Er hat schon eine Pilgerfahrt nach Mekka unternommen und bemüht sich, die religiösen Gesetze (z.B. Almosen geben) zu befolgen. Aber, so sein Beispiel, im Auto kann er die verschiedenen Gebetszeiten nicht einhalten.

(KP)Nach dem Frühstück in einem Restaurant gehen wir das erste Mal zu Fuß (ohne Auto oder 3-Rad) durch die Strassen. Harriet kennt dort alle möglichen Leute. So besuchen wir die Familie eines Rev. , der auch schon einmal in Deutschland war. Seine Frau zeigt uns die Kirche. Danach besuchen wir ein Girls-Hostel, in dem auch Harriet vor vielen Jahren lebte. (Sie ist ein Waisenkind und ihre gute Ausbildung verdankt sie einer Deutschen Frau, sie nennt sie Patenmutter. Ihre Mutter unterstützt sie und ihre Kinder - so finanziert sie auch die Unterbringungen in dem Internat der drei Kinder von Harriet). Neben unserer Unterkunft in dem Gästehaus des Bischofes ist das "Landeskirchenamt" angeschlossen. Der Superintendent, Frau Poschbaka, wird uns nach Goa begleiten. Nach einem Besuch bei Rev. Niranjan und seiner Familie in Hubli (Fam. Niranjan war für 6 Jahre in Deutschland, die Tochter Doreen ist jetzt 16 Jahre alt und seit 3 Jahren wieder in ihrer Heimat - eine ergreifende Begegnung mit dieser jungen Frau). So packen wir für 1 Nacht unsere Sachen und machen uns gegen 16.00 Uhr auf den Weg. Im Auto sitzen Harriet, ihre 3 Kinder, Mona, Ismail, Frau Poschbaka, Martin, Hanno und ich. Gepäck haben wir natürlich auch dabei. Wir rechnen mit einer Fahrt von 3 Stunden. -Weit gefehlt - wie kommen nachts um 1 Uhr nach einem unglaublichen Verkehrschaos in einer wunderschönen Hotelanlage an. Völlig am Ende bin ich trotzdem froh, noch mal mit Sebastian telefonieren zu können.

Freitag, 16.Januar 2004
(MA)Heute sind wir in einer Ferienanlage für westliche Urlauber in Goa. Das Hotel liegt nur etwa 300 Meter vom Strand entfernt. Die Sonne brennt heiß vom Himmel. Wir liegen im Schatten eines Fischerbootes namens "Holy Cross" und erzählen oder gehen baden im warmen Meer. Der Sandstrand ist wunderschön. Es sind kaum Menschen da. Am Strand gibt es ein kleines Restaurant, das uns mit gegrilltem Fisch versorgt.

Am Abend entschließen wir uns, nach Dharwad zurück zu fahren, da in der Ferienanlage kein Zimmer mehr frei ist. Es wird eine lange beschwerliche Fahrt. Da wir uns verfahren, sind wir erst in der Nacht gegen 3 Uhr wieder zurück. In dem Geländewagen ist es mit sieben Erwachsenen und drei Kindern (Harriets Kinder Steffi, Kevin und Shiney) unglaublich eng. Die Fahrt dauert neun Stunden. Besonders beschwerlich ist das Sitzen auf der Rückbank. Harriet hat uns eine Patchwork-Decke geschenkt, die wir bei den Treffen unseres Partnerschaftskreises auf den Tisch legen sollen. Sie erstand sie auf echt orientalische Art bei einem Textilhändler in Goa.

(KP)Den ganzen Tag verbringen wir am Meer. Der Strand ist fast menschenleer und wir plaudern mit Harriet und ihren Freunden über Gott und die Welt. Abends um 8.00 Uhr machen wir uns auf den Rückweg nach Dharwad - kein schöner Gedanke. Leider verfährt sich Mona auf dem Heimweg und wir kommen erst um 3.00 Uhr morgens am Ziel an. Mittlerweile bin ich schon völlig abgestumpft, was Auto- und Fahrzeiten angeht. Unterwegs machen wir Witze über unsere Situation und haben trotz allem viel zu lachen.

Samstag, 17.Januar 2004
(MA)Heute besuchen wir noch einmal Bischof Balmi in seiner Dienstwohnung. Er trägt fast immer sein silbernes Bischofskreuz. Sein Amtszimmer ist mit kitschig-frommen Bildern dekoriert. Unter der Glasplatte auf dem Schreibtisch sieht man Bilder verschiedener Bischöfe, u.a. von Bischof Dr. Hein. Im Regal steht ein Ordner mit der Aufschrift "Eschwege", andere mit "Fritzlar" und "Melsungen". Im Raum steht auch ein Computer. Daran arbeitet gerade ein Sohn des Bischofs. Uns wird auch eine Tochter des Bischofs vorgestellt, sie arbeitet an einer kirchlichen Schule in Dharwad.
Harriet klärt mit dem Bischof den weiteren Verlauf unserer Reise. Ich telefoniere vom Bischofsbüro aus mit Pfr. Niranjan. Wir sprechen uns ab wegen dem Gottesdienst morgen in Hubli, in dem ich predigen soll.

In der "Hans-Gernot-Jung-Hall" hier in Dharwad, in der ein Mal im Jahr für drei Tage das "Area council" zusammenkommt (ca. 170 Personen, alle Pastoren sowie Delegierte der Gemeinden, je nach Größe der Gemeinde), erzählt uns Harriet einige Hintergründe über die kirchenpolitische Situation in der Diözese. Danach wurde Bischof Balmi im Jahr 1999 mit großer Mehrheit vom Area council gewählt. Es sei eine ordentliche Wahl gewesen, sie war selbst dabei. Doch die Pfarrer Sarvade und Prabhakar Rao sowie zwei andere "senior pastors" hätten die Wahl vor einem weltlichen Gericht angefochten, weil sie selbst auf das Bischofsamt aus waren. Sie wandten sich mit ihrer Beschwerde nicht an die kirchliche Gerichtsbarkeit in der Diözese, sondern an ein weltliches Gericht. Dieses Gericht untersagte es Balmi, als Bischof zu fungieren. Jedoch habe ihn damals der "Moderator" der CSI, der nichts von dem Gerichtsverfahren wusste, in sein Amt eingeführt. Harriet versichert uns, dass der Widerstand gegen Balmi nur von vier "senior pastors" kommt, nicht von den Laien. Allerdings hätten diese vier Pfarrer versucht, Laien mit Geld und Geschenken gegen Balmi aufzustacheln. Balmi habe einen schweren Stand. Er sei durch die Konflikte sogar krank geworden, seine Frau dränge ihn, das Amt niederzulegen.

Rev. Sarvade sei bei der Wahl zum "area chairman" im Bellary-Distrikt deutlich gegen Kasturi unterlegen. Man habe ihm geraten, gar nicht erst anzutreten, aber er habe auf diesen Ratschlag nicht gehört und habe eine schwere Niederlage einstecken müssen.

(KP)Hanno, Martin, Harriet und ich frühstücken gegen 8.30 Uhr in einem kleinen Laden nebenan. Danach besuchen wir Bischof Balmi in seinem Haus direkt nebenan. Unser Programm wird ein wenig abgeändert - ebenso unsere geplante Unterkunft in Bellary - ehrlich gesagt bin ich nicht unglücklich, in Bellary in einem Hotel zu übernachten. Heute ruhen wir uns wegen der Strapazen der letzten Tage zwischendurch immer wieder aus. Harriet erzählt uns einiges über die Wahl des Bischofs und das noch nicht abgeschlossene Verfahren der Anfechtung der Wahl. Sie steht einigen Dingen, die rund um die Kirche passieren sehr kritisch gegenüber. Uns gegenüber ist sie sehr offen und wir schätzen sie mehr und mehr.

Nach dem Dinner um 21.00 Uhr legen wir uns schlafen.

Sonntag, 18.Januar 2004
(MA)Wir fahren heute nach Hubli. Ich habe als Gastgeschenk einen Herrnhuter Stern im Gepäck. Vor dem Gottesdienst frühstücken wir in einem Cafehaus. Dann gehen wir zum Pfarrhaus und ich ziehe meinen Talar für den Gottesdienst über. Vor dem Betreten des Altarraumes ziehen wir die Schuhe aus. Die Liturgen sitzen auf Stühlen hinter dem Altar, der Bischofsstuhl in der Mitte bleibt natürlich frei. Die Kirche ist gut gefüllt mit Menschen, der Gesang ist kräftig. Die meisten Lieder haben bekannte Melodien. Die Gottesdienstordnung unterscheidet sich kaum von der unsrigen. Aber sie finden überaus großen Zuspruch. Meine Predigt über die Weisen aus dem Morgenland (Mt 2) wird von Niranjan Satz für Satz übersetzt.

Nach dem Gottesdienst begleite ich einen anderen Pfarrer zu einer Beerdigung. Eine 38-jährige Frau ist verstorben, sie hinterlässt ihren Mann und zwei Kinder. Die Feier beginnt vor dem Trauerhaus, wo sich eine Menschenmenge versammelt hat. Eine Trage steht bereit. Dann wird der offene Sarg herbeigebracht und auf die Trage gestellt. Der Leichnam ist über und über mit Blumen bedeckt, nur das Gesicht ist noch frei. Der Kirchenvorstandsvorsitzende, der mich begleitet, besteht darauf, dass ich neben dem Pfarrer stehen muss (der übrigens zur Beerdigung einen schwarzen Talar trägt). Als nach ein paar Gesängen und Lesungen der Sarg geschlossen werden soll, spielen sich dramatische Szenen ab. Immer wieder versuchen einige Frauen, das Gesicht des Leichnams zu berühren und das Schließen des Sarges zu verhindern. Ein Kirchenvorsteher muss sie mit Gewalt beiseite drängen. Eine Frau fällt in Ohnmacht, wird mit Wasser übergossen, im Gesicht mit Wasser eingerieben, vom Boden aufgehoben und weggetragen. Dann setzt sich der Zug zum Friedhof in Bewegung. Am Grab wird der Sarg noch einmal geöffnet, und wieder kennt die Trauer keine Grenzen. Schließlich werde ich aufgefordert, mit den beiden anderen anwesenden Pastoren Erde auf den Sarg zu werfen und danach den Segen über der Gemeinde zu sprechen. Nach Auskunft des Pfarrers war dies eine "normale" Beerdigung, am Tag nach dem Todestag, wegen der großen Hitze.
Gepredigt wird übrigens nicht, man sagt, dass es die Angehörigen in dieser Phase sowieso nicht aufnehmen können. Es gibt aber eine Trauerfeier mit Ansprache 40 Tage nach der Beerdigung und dann noch mehrere Jahresgedächtnisfeiern.

Anschließend gehe ich mit Ravi Niranjan zu einer Verlobungsfeier. Dort werde ich gebeten ein Grußwort zu sagen und die Ringe zu segnen. Solche Andachten zur Verlobung werden regelmäßig gewünscht.

Schließlich sind wir bei Niranjans zum Mittagessen eingeladen und tauschen Erinnerungen an Waldkappel aus.

Nach dem Mittagessen fahren wir weiter nach Bellary. Auf der etwa fünfstündigen Reise sehen wir viele Industrieanlagen und riechen die verpestete Luft. Wir passieren Windkraftanlagen und riesige "Hühnerfabriken". In Bellary erreichen wir unser nächstes Quartier, das Hotel "Pola Paradise". Dort erwarten uns mit Girlanden der Area chairman James P.Kasturi, sein Stellvertreter Isaac Matthew, Santosch Martin, Frederick Martin und Rev. Chandraschekar. Wir verabreden schnell noch, wie es am nächsten Tag mit dem Programm weitergehen soll, bevor der Tag mit einem Essen abschließt.

(KP)6.30 Uhr Start Richtung Hubli. Dort wollen wir an Gottesdiensten teilnehmen. Martin wird die Predigt bei Herrn Rev. Niranjan halten, Hanno und ich feiern den Gottesdienst in der Kirche von Frau Rev. Niranjan. Martin erlebt mehrere Gottesdienste - eine Hochzeit, eine Beerdigung, die sehr herzzerreißend gewesen sein muss -, außerdem eine Verlobung und eine Hauseinweihung. Gegen 14.30 Uhr starten wir in Richtung Bellary (Frau Puchpaka hat sich bereits schon von uns verabschiedet). Über die Fahrzeit denke ich schon gar nicht mehr nach - und ziemlich positiv überrascht erreichen wir Bellary bereits gegen 19.00 Uhr. Dort werden wir bereits erwartet und sehr freundlich empfangen. Für die Zeit in Bellary ist Rev. Kasturi unser Begleiter und Ansprechpartner.
Von Mona und Ismail müssen wir uns heute für immer verabschieden- sie fahren wieder zurück nach Bombay. Der Abschied von diesen beiden Männern fällt mir sehr schwer, da ich sie längst in mein Herz geschlossen habe. Harriet werden wir nächste Woche noch einmal wiedersehen.

Um 21.00 Uhr sind Hanno, Martin und ich seit über 1 Woche das erste mal allein und darauf trinken wir eine Flasche Wein. Irgendwann nach Mitternacht schlafe ich endlich ein.

Montag, 19.Januar 2004
(MA)Wir stehen gegen 6 Uhr in der Frühe auf, weil wir uns mit Kasturi und Matthew für 7 Uhr vor dem Hotel verabredet haben. Mit dem Frühstück muss es schnell gehen. Doch leider verspäten sich unsere Gastgeber, so dass wir erst gegen 8 Uhr in Richtung Hospet aufbrechen können.
Auf dem Weg sehen wir die riesigen Anlagen eines Stahlwerkes und die unzähligen Arbeiter/innen, die zu ihrem Arbeitsplatz strömen. Wir kommen zunächst nach Hospet. Dort empfangen uns Kirchenvorsteher und die Mädchen eines Mädchenwohnheims, das hinter der Kirche liegt. Wir werden in das Mädchenwohnheim geführt, die Kinder singen Lieder und schenken uns Blumenkränze. Isaac Matthew ist der Pfarrer dieser Gemeinde, auch der Manager des Mädchenwohnheims. Die pastorale Arbeit wird jedoch von einem "assistent pastor" getan, der auch im dortigen Pfarrhaus wohnt. Wir werden ins Pfarrhaus eingeladen und erfahren, dass Hospet eine Großstadt ist, doppelt so groß wie Kassel! Eine Frau wird uns vorgestellt, die nicht nur im Kirchenvorstand ist, sondern auch ein politisches Amt in der Stadt innehat. Für die kleine Christengemeinde sicher eine wichtige Person.

Dann beginnt eine solche Serie von Besuchen und Begegnungen, dass ich sie nicht mehr alle aufzählen kann. Wir besuchen Gona Immanuel in seinem Pfarrhaus, werden zum Mittagessen eingeladen und erhalten verschiedene Geschenke. Wir besuchen Hampi, die alte Königsstadt, und werden dabei von einem Historiker und Archäologen geführt. Wir fahren durch die Ruinen der alten Residenz, sehen den Königspalast mit den fantastischen Klangsteinen, auf denen man musizieren kann, und den berühmten Wagen. Leider entfernen sich unsere Gastgeber, so dass wir plötzlich allein dastehen. Schon nach einer Stunde müssen wir weiter. Wir besuchen ein Wasserkraftwerk, in dem Strom erzeugt wird.
Danach sind wir zum Essen eingeladen in einem Gästehaus der Regierung von Karnataka! Es ist von außen gesehen ein sehr repräsentatives Gebäude, innen jedoch sehr schlicht. Dabei erfahren wir, dass man uns ursprünglich in einem Gästehaus der Regierung auf einem Berggipfel hatte unterbringen wollen.
Wir kommen in eine kleine Gemeinde, die sich zu unserer Begrüßung versammelt. Ich halte eine kurze Ansprache. Einfache, engagierte Christenmenschen treffen wir dort, Menschen, denen ihr Glaube viel bedeutet. Neben der Kirche sollen zwei Räume als Gästehaus hergerichtet werden, damit der Pfarrer dort übernachten kann, wenn er vom weit entfernten Hospet her anreist.

Am Abend sind wir in TB-Dam. Auch dort versammelt sich in der großen Kirche eine viersprachige (!) Gemeinde (Kannada, Telugu, Tamil und Urdu). Die Kinder der Sonntagsschule singen für uns, ich selbst halte wieder eine Ansprache. Im Anschluss an den Gottesdienst werde ich von einigen Menschen aufgefordert, für sie persönlich zu beten.

Nach dem Gottesdienst soll ich noch zu einem "cottage prayer" mitkommen. Was das wohl sein mag? Wir fahren durch die holprigen Straßen der Stadt. Als wir in einem Hof aussteigen, eröffnet mir der Pfarrer, dass es sich um einen Gedächtnisgottesdienst für einen Verstorbenen handelt. Ich solle eine kleine Ansprache über Tod und Auferstehung halten! Ich erfrage kurz, ob es ein Mann oder eine Frau war, alt oder jung, das muss reichen. Dann beginnt die Feier mit Liedern und Lesungen.
Nach der Andacht werden wir von der Trauerfamilie zum Essen eingeladen. Schon wieder essen! Ein Bruder des Verstorbenen bittet mich, für die Familie zu beten. Wir fahren dann zurück, verabschieden uns von Gona Immanuel und seiner Familie und fahren zurück nach Bellary, wo wir gegen Mitternacht eintreffen.

(KP)Montag nimmt uns gegen 7.30 Rev. Isaac Matthew in Empfang. Zusammen mit ihm und Rev. Kasturi besuchen wir die Kings-Church. Die Empfänge in den Kirchen haben immer den gleichen Ablauf: Greetings der Inder an uns, Überreichen von Blumengirlanden an uns, Greetings von uns an die Inder, Gesang der Inder und von Martin und mir. Immer sind es die Menschen in der Kirche, auf dem Boden sitzend, die unsere Herzen erreichen. Nach dem "offiziellen Teil" gibt es immer etwas zu Essen wie z. B. Obst oder Plätzchen und etwas zu trinken. Danach werden viele Fotos gemacht. Wir besuchen ein direkt an die Kirche angeschlossenen Girls-Hostel. Dort werden wir wie in der Kirche empfangen. Die Mädchen haben für uns getanzt und gesungen. Danach kurzer Empfang bei dem Rev. der Kings-Church. Ein weiterer Rev. , Herr Gona Immanuel wird besucht. Dort nehmen wir ein zweites Frühstück ein. Wir fahren weiter Richtung Hospet und besichtigen Hampi (historische Stätte Indiens). Der Besuch in Hampi wirkt ziemlich gehetzt. Die Zeit, um sich diese Stätte anzusehen, haben wir nicht und wir sehen nur einen Teil dieser Anlage. Ab heute begleitet uns auch immer ein Freund von Harriet, Mr. Martin Vrema.

Nach dem Lunch in einem Gästehaus der Regierung besichtigen wir den Staudamm T. B. Dam, das Elektrizitätswerk.

Dienstag, 20.Januar 2004
(MA)Heute haben wir viele Schulen besucht. Überall sahen wir viele fröhliche Kinder. Jede Einrichtung hatte ein kleines Programm mit Gesängen und Tänzen vorbereitet. Es begann immer mit einer besonderen Begrüßung ("Welcome" auf der Tafel, auf dem Boden, Blumen). Dann lud uns die "Headmistress" zum Tee ein, dann Kulturprogramm. Karin und ich antworteten mit einem deutschen Lied, was sehr gut aufgenommen wurde.
In den Schulen herrscht strenge Disziplin (Rohrstock). Die Räume in den Schulen sind sehr einfach eingerichtet. Einige Schüler leben in "Hostels", fern von ihrer Familie. Es begleitet uns jetzt auch Martin Vrema, ein Freund von Harriet. Er ist selbst Lehrer bzw. Schulleiter und kann sehr gut in Kannada und Telugu übersetzen.

Am Abend sind wir bei Isaac Matthew eingeladen. Er lebt als Pfarrer mit seiner Familie (Ehefrau, 3 Kinder, Schwiegermutter) in primitivsten Verhältnissen. Er möchte uns zu einer weiteren Förderung der Werkstatt in Bellary bewegen. Angeblich reicht der erwirtschaftete Gewinn aus, um die Mitarbeiter (Superintendent, Mananger, Accounter und zwei Mechaniker!) zu bezahlen, aber es sei weitere Unterstützung für den Unterhalt der Lehrlinge notwendig. Angeblich seien alle Abrechnungen der vergangenen Jahre vorhanden, aber der Bischof habe sie nicht an uns weiter geleitet.

(KP)Dienstag besuchen wir mehrere Schulen und Kirchen - da die letzen beiden Tage so vollgestopft waren, war ich nach Mitternacht nicht mehr in der Lage, Tagebuch zu schreiben. Langsam setzt eine gewisse Erschöpfung ein. Leider hatten wir bisher keine Zeit, um über unsere Eindrücke zu reflektieren - wir waren ja niemals allein.
Ich bedauere diese Situation sehr.

Ein heutiges Erlebnis in einem Mädchen-Heim hat mich sehr mitgenommen. In dem Augenblick, als ich den Schlafsaal sehe und mir des nachts die Mädchen fernab von ihren Familien vorstelle, schnürt es mir mein Herz ab. Ich bin kurz davor, einfach wegzurennen. Der Schlafsaal gleicht einem Kellerraum und sieht so lieblos aus - obwohl gerade dieses Girls-Home schon eine Auszeichnung der indischen Regierung erhalten hat. Wie mag es dann in anderen Heimen aussehen. Mein innerer Schmerz mag auch mit meiner Erschöpfung und mit meiner Sehnsucht nach meinen eigenen Kindern zusammenhängen. Aber an diesem Abend bin ich sehr traurig.

Mittwoch, 21.Januar 2004
(MA)Heute waren wir von Tara Kalyani zum Essen eingeladen. Sie lebt allein in einem Haus, dessen Einrichtung deutlich europäisch geprägt ist. Ihre beiden Söhne leben in England. Sie malt sehr gern und schön mit Ölfarben.
Frau Kalyani ist "Convener" des neuen Partnership-Committee. Sie zeigt uns das im vergangenen Jahr neu begonnene Protokollbuch sowie einen Brief von Bischof Balmi über den Neuanfang des Komitees. Dies soll wohl ein Signal sein, dass nun eine neue Phase beginnt. Das heißt aber auch: Bis zum Sommer 2003 gab es kein Partnerschaftskomitee! Wir treffen auch ihren Bruder M.M.Samuel, den neuen Manager des Werkstatt-Projektes. Er wird uns morgen über den Stand der Dinge unterrichten.

Dann fahren wir nach Sandur. Vorbei am Stahlwerk Sindhal über furchtbare Straßen ein Tal hinauf, an einem Wasserreservoir vorbei bis nach Sandur. Der Ort ist geprägt vom Eisenerzabbau in den Bergen ringsum. Überall sieht man LKW mit Eisenerz, eine rote Staubschicht liegt über allem. In Sandur werden wir von dem Pfarrer Samuel Prasad und einigen Kirchenvorstehern begrüßt. Seine Frau arbeitet als Lehrerin am Wardlaw-College in Bellary, sie sehen sich nur am Wochenende. In der Kirche ("Grace Church") halten wir ein Gebet. Dann gehen wir zu Fuß in das Haus eines Gemeindeglieds, das Süßigkeiten herstellt. Wir dürfen von den Süßigkeiten kosten. Danach besuchen wir eine kleine Fabrik für Rattanmöbel. Eine Möbelflechterin verdient nur 90 Rupies an einem Sessel, an dem sie vier Tage arbeiten muss. Ein Steinmetz verdient immerhin 4000 Rupien für eine kleine Skulptur, an der er 20 Tage lang arbeitet. Wir besuchen auch eine Näherei, in der Lambadi-Frauen schöne Textilien nähen, z.B. Decken und Kissen. Sie nähen mit einfachen mechanischen Nähmaschinen.

Danach fahren wir auf einen Berg mit einem Hindu-Tempel aus dem 8.Jahrhundert. Erst seit sechs Jahren haben auch Frauen in diesem Tempel Zutritt, nachdem eine Frau dieses Recht vor Gericht erstritten hat. Im Inneren des Tempels sehen wir eine über und über mit Blumen geschmückte Statue. Drei Priester versehen den Dienst an diesem Tempel.

Wir kommen nach Donimalai, in eine Siedlung von Minenarbeitern. Früher gab es dort ein Halle, in der alle Religionen ihre Gottesdienste feiern konnten. Jetzt haben die Protestanten und Katholiken eine gemeinsame Kirche gebaut, deren Räume jedoch durch eine Längswand getrennt sind. Eine Anzahl von Frauen und Männern erwartet uns. Die Leiterin der Frauenhilfe - eine Schwester des ehemaligen Dekans Sarvade - stellt uns einen jungen Mann vor, der von einem bösen Geist besessen gewesen sein soll. Doch durch Gebet und Handauflegung sei der junge Mann geheilt worden. Wir werden mit Girlanden geehrt, auch hier halte ich eine Ansprache. Immer wieder kommt besondere Freude auf, wenn wir das "Santo Shawukkute" singen.
Nach dem Mittagessen im Haus eines Gemeindeglieds besuchen wir noch zwei andere Häuser, in denen wir auch jeweils zusammen beten. Dann machen wir uns auf den beschwerlichen Heimweg nach Bellary.
Am Abend bin ich noch bei Pfr. Chandraschekar zum Essen eingeladen. Er leitet die englischsprachige Gemeinde in Bellary und ist nicht nur der älteste Pfarrer des Distrikts, sondern der ganzen Diözese. Auf meine Frage, was sich in den langen Jahren seines Dienstes aus seiner Sicht verändert habe, kann er keine rechte Antwort geben. Ist die Zeit stehen geblieben?

(KP)Um 8.00 Uhr Frühstück bei Frau Tara Kaljani (Kindergarten Holy Triniti Church v. Bellary). Weiterfahrt nach Sandur. Besuch bei Rev. Samuel Pravad in seinem Haus. Empfang in der Kirche. Wir besichtigen danach einen Zuckerbäcker in Sandur - wir dürfen uns die "Fabrikation" ansehen. Wir besuchen dann Manufakturen für Bambusmöbel, Bildhauereien und Heimtextilien.

Wir fahren weiter nach Donimalai in die Berge. In einem Camp wohnen die Arbeiter des Erzbergwerkes. Frau Singh (Kirchenmitglied und ehrenamtlich in der Jugendarbeit tätig) begrüßt uns ganz herzlich. Stolz zeigt sie uns ihre Kirche. Die Besonderheit liegt darin, dass die Kirche in der Mitte durch eine Wand getrennt ist, so dass links die Protestanten und rechts die Katholiken ihre Gottesdienste feiern. Angeblich gibt es in dieser "Wohnsiedlung" keinerlei Probleme zwischen Protestanten und Katholiken. Wir nehmen unser Lunch bei einer Freundin von Frau Singh ein. Danach Besuch des Hauses von Frau Singh und Besuch beim Pfarrer, Rev.Prasad. Auffällig ist hier die Landschaft. Endlich sieht man wieder etwas grünes. Die Siedlung liegt inmitten von Bäumen. Ich genieße diesen Ort.

Um 19.30 Uhr Ankunft im Hotel. Wir sind froh, endlich angekommen zu sein.

Wir versuchen Rev. Kasturi klarzumachen, dass wir nicht in der Lage sind, das ganze Programm auszufüllen. Rev. Kasturi hat offensichtlich Kommunikationsprobleme. Abgesehen davon kann man sein Englisch kaum verstehen. So passiert es, dass im Hotel ein Bote eines Rev. Chandraschekar wartet, um uns zum Dinner abzuholen. Da wir so erschöpft sind, bleiben Hanno und ich standhaft und kommen nicht mit zu diesem Essen. Martin bin ich sehr dankbar, dass wenigstens er zu dem Dinner geht. Somit wird der Rev. nicht allzu sehr gekränkt. Gegen 22.00 Uhr kommt Martin zurück und gemeinsam trinken wir noch etwas in der Hotelbar.

Donnerstag, 22.Januar 2004
(MA)Am Morgen sind wir von Santosch Martin zum Essen eingeladen. Da er aber noch geschäftlich in Bangalore zu tun hat, frühstücken wir im Hotel. Er holt uns dort ab und bringt uns nach Sangankal. Unterwegs erzählt er, dass er als "wildlife warden" für den Bezirk Bellary verantwortlich ist, also ein Art Naturschutzbeauftragter. Deshalb hatte er uns in den Bärenpark einladen wollen (was wir aus Zeitgründen abgesagt hatten)! Er möchte das ökologische Bewusstsein fördern, das hier noch kaum entwickelt ist. Die Wasserprobleme etwa haben sich durch das Abholzen der Bäume in den Eisenerzgebieten verschärft.
Außerdem ist er stark sozial engagiert, u.a. für den Kindergarten in Sangankal. Er ist der Manager des Projekts. Als wir vor der Kirche ankommen, werden wir sehr herzlich empfangen. Die Kindergartenkinder, aber auch andere Gemeindeglieder, haben sich vor der Kirche versammelt. Nach dem üblichen Begrüßungszeremoniell bitte ich um eine Gesprächsrunde im Kreis der Erwachsenen. Wir erfahren, dass es eine Kindergärtnerin gibt, die von der "church area" bezahlt wird. Für den Koch und die Bezahlung des Essens kommt Santosch Martin selbst auf. Man zeigt uns eine Art Klassenbuch, das wir abzeichnen sollen. Seit April 2003 findet der Kindergarten in der Kirche statt. Man stellt uns eine ältere Frau vor, die sich sehr für die Lösung der praktischen Probleme des Kindergartens engagiert hat.
Ich stelle klar, dass wir nicht für den laufenden Betrieb des Kindergartens aufkommen können, weil wir selbst Probleme mit der Finanzierung unserer eigenen Kindergärten haben. Denkbar wäre jedoch eine einmalige Unterstützung für die Errichtung des Neubaus, der etwa 3.000€ kosten soll. Der Neubau sei notwendig, weil durch den Kindergartenbetrieb in der Kirche die Kirche entweiht werde. Man legt uns einen Bauplan vor (Anlage 3) und zeigt uns den Platz für den Neubau direkt hinter der Kirche.
Die Voraussetzungen für eine Unterstützung aus Eschwege sollten sein, dass der dortige Kirchenkreis eine Zusage gibt über die weitere Bezahlung der Erzieherin und dass man eine Lösung findet für die Bezahlung des Kochs und der Nahrungsmittel. Der laufende Betrieb kostet etwa 60€ pro Monat. Die Kinder kommen alle aus armen Familien, deren Hütten bei einem Großbrand zerstört worden sind. Aber sollten die Familien nicht auch einen kleinen Beitrag leisten, auch wenn es eher ein symbolischer Beitrag ist?

Wir fahren weiter in ein anderes Dorf, wo wir von einer Band empfangen werden. Wir besuchen die Kirche und einige Wohnhütten. Die Menschen haben alles sauber gefegt und Begrüßungszeichen vor die Haustür gemalt.

Dann besuchen wir noch ein drittes Dorf. Es hat noch keine Kirche, wir kommen in einem Zelt zusammen. Auch die Dorfältesten sind anwesend. Ich werde gebeten, für ein Kind zu beten, das durch "brain fever" erblindet ist und zusätzlich an Polio erkrankt ist. Es ist schon erschreckend, unter welchen Bedingungen die Menschen hier leben. Einige haben nur Hütten, andere kleine Häuser mit nur zwei Räumen. Eine Mauer ist eingestürzt, so schlafen sie, wenn es regnet, unter dem Vordach der Kirche.

Nach der Rückkehr von den Dörfern sind wir bei Mr. Daniel eingeladen. Er ist Ingenieur im Ruhestand, der Größe seines Hauses nach zu urteilen sehr vermögend. Er hat eine sehr gewinnende Ausstrahlung. Sein Sohn ist leider im Gehen behindert. In seinem Haus ist auch die Delegation aus England zu Gast, aus der Gemeinde, die das "boys hostel" in Bellary finanziert. Der Leiter der Delegation ist der Sohn eines früheren Missionars in Bellary.

Danach sollten wir eigentlich Ruhe haben. Doch Martin Vrema besucht uns noch, um mich zu bewegen, ihn für eine Delegation nach Deutschland vorzuschlagen. Außerdem braucht er dringend Geld für seine Schule in Moka.

Am Abend besuchen wir noch die Telugu Church und Rev. Prabhakar Rao. Unsere Füße werden dabei von den Moskitos arg zerstochen.

(KP)Geplantes Frühstück sollte um 8.00 Uhr mit Mr. Santosh Martin sein. Er ist ein engagierter Mitarbeiter der Kirche, der in Sangankal einen KIGA unterstützt. Kurzfristig wird uns jedoch mitgeteilt, dass wir das Frühstück im Hotel einnehmen. Diese kurzfristigen Änderungen geschahen in den letzten Tagen sehr oft und wir haben uns daran gewöhnt. Gegen 9.00 Uhr holen uns Mr. Martin und Rev. Kasturi ab und wir fahren nach Sangankal , um den KIGA zu besuchen. Das besondere an diesem KIGA ist, dass er in der Kirche stattfindet, da das Gebäude, dass der Kirche anhängt, vor einigen Jahren einstürzte. Das Problem ist, dass die Gefahr einer Schließung des KIGA droht, da in den Augen der Inder das Gotteshaus ein heiliges Haus ist und der KIGA an diesem Ort nur eine Übergangslösung sein kann. Das Geld für den Aufbau ist nicht vorhanden.

Nach vielen Greetings hatten wir die Gelegenheit, mit den Leuten vom KIGA zu reden. Eine ganz wichtige Person war eine Mitarbeiterin, die das ganze vorantreibt und mit Herzblut dabei ist, außerdem eine Erzieherin. Die Namen weiß ich leider nicht mehr. Es gehen etwa 20 Kinder in den KIGA. Dieser KIGA wird z. Z. finanziell unterstützt durch die Kirche über Herrn Rev. Kasturi und von Santosh Martin, der privat den Koch und das Essen zahlt.

Wir wurden ziemlich direkt damit konfrontiert, dass unsere Hilfe hier notwendig sei und dass es eigentlich auch egal sei, ob wir den Aufbau des Gebäudes zahlen oder für den monatlichen Unterhalt sorgen würden. Wir könnten auch eine gewisse Summe überweisen, über die die Verantwortlichen dann frei verfügen könnten. Martin gab den Einwand, dass wir ein weiteres Projekt nicht finanzieren können - er machte die finanzielle Situation in Deutschland deutlich (das schien niemanden zu interessieren!). Er sagte auch ganz klar, das wir in keinem Fall in der Lage sind, den monatlichen Unterhalt sicherzustellen. Er informierte die Menschen über die Spenden der Eltern des KIGA Weidenhausen (Dies war eine Spendenaktion, organisiert von Frau Regina Güntheroth, die bei der letzten Delegation in Indien war). Er machte ganz klar deutlich, dass wir gern mit diesen Spenden helfen würden, jedoch muss ein ordentliches Konzept vorliegen. Er wollte wissen, ob der KIGA weitergeführt wird, wenn dieser KIGA neu aufgebaut wird oder ob die Gefahr besteht, dass der monatliche Unterhalt auf Dauer nicht gesichert ist. Auf diese Frage bekam er trotz dreimaliger Nachfrage keine Antwort. Weder S. Martin noch Rev. Kasturi antworteten auf diese Frage - bei der Diskussion beteiligten sich diese beiden Herren so gut wir gar nicht, was mich sehr erstaunte, da ihnen der Weitergang des KIGA eigentlich wichtig zu sein schien. Die Situation empfand ich als sehr belastend und schwierig.

Wir besichtigten dann das eingestürzte Gebäude. Es handelt sich um einen Raum von ca. 50 m2. Martin hat einen Bauplan bekommen und einen geschätzten KOV von ca. 3000 Euro. Wir haben keinerlei Zusagen gemacht.

Danach fahren wir in 2 Dörfer (die Namen sind mir leider entfallen). Ganz herzlich werden wir dort von einer Musikkapelle empfangen und gehen durch die Dörfer wie in einer Art Festumzug. In der Kirche gibt es wieder Greetings von beiden Seiten und Gesang. Nach der offiziellen Begrüßung besuchen wir einige Häuser und beten für die Menschen.

Die Menschen hier sind richtig arm - eigentlich haben sie gar nichts. Die "Häuser" haben einen Raum, der durch eine Mauer getrennt ist. In dem größeren schläft die ganze Familie auf dem Boden, in dem abgeteilten Raum stehen Kochutensilien. Gekocht wird draußen.

Der Besuch dieser Dörfer erscheint mir sehr wichtig. Es sind gerade diese Menschen in den Dörfern, denen wir Mut und Hoffnung geben können, indem wir einfach nur auf einen Besuch kommen. Sie sind es, die wir nicht vergessen dürfen. Die Stimmung dieses Empfanges und die Freude in den Gesichtern der Menschen - vor allem der Kinder - kann ich nicht beschreiben, man muss es einfach erlebt haben.

Unterwegs steht an einem Dorfrand eine Kirche. Dort stehen einige Männer, die uns winkend bitten, zu ihnen zu kommen. Natürlich halten wir an (Rev. Kasturi scheint nicht sehr glücklich darüber zu sein), obwohl es Rev. Kasturi nicht ganz recht zu sein scheint. Die Menschen freuen sich so sehr - Hanno, Martin und ich sind sehr gerührt (Diese Begegnung kann auch an einem anderen Tag gewesen sein - ich weiß es nicht mehr genau)

Wir fahren zurück nach Bellary und nehmen das Dinner bei Mr. Daniel ein. (Ein sehr sympathischer Mann). Dort treffen wir auch auf eine englische Delegation. Sie unterstützt ein Boys-Home. Ich empfinde es als sehr angenehm, mit Engländern englisch zu reden.

Gegen 4.00 Uhr nachmittags kommen wir am Hotel an und ca. 2 Stunden später soll es weitergehen. Ich bin ziemlich "platt". Bei jedem Besuch von Gemeinden habe ich das Gefühl, dass ich ein Stück von mir dort zurücklasse. Ich fühle mich wie ausgesaugt und bin zu erschöpft, über den bisherigen Tag zu reflektieren. Unsere 2 Stunden "Freizeit" genieße ich mit einer kalten Dusche und einem kleinen Schläfchen.

Um 5.45 Uhr fahren wir zur Tilugu-Church, um einen Gottesdienst mit Rev. Prabhakar Rao zu feiern. Beginn soll um 6.15 sein, jedoch verspäten sich die Engländer, so dass wir erst gegen 7.30 Uhr beginnen (Darüber bin ich ziemlich sauer - sag es aber keinem). Lunch gibt es danach im Freien - wir treffen hier sehr viele Menschen und unterhalten uns bis gegen 9.00 Uhr.

In der Zeit von 4.00 bis 5.45 hatten wir eigentlich das erste mal Pause - die wir nach 2 Wochen vollem Programm auch dringend brauchten. Jedoch kam um 4.05 Uhr Mr. Matthew zu Martin und so hatte Martin wieder keine Zeit für sich. Denn nachdem Matthew gegangen war, kam Martin Vrema zu unserem Martin, um noch einmal Einzelheiten über seine Schule zu berichten. Sensibel scheinen die Inder nicht gerade zu sein!

Im Hotel angekommen, setzen sich Martin, Hanno und ich noch zusammen und unterhalten uns. Die Freude ist groß, als gegen 10.00 Uhr abends Harriet mit einer Gruppe von jungen Frauen auf uns stößt. Die jungen Frauen und Harriet werden morgen einen Besuch in "Balgum"(?) bei Sonja Ghandi machen. Dieser Besuch findet im Rahmen eines Wahlkampfes statt.

Der Tag endet gegen Mitternacht.

Freitag, 23.Januar 2004
(MA)An diesem Tag steht ein Treffen mit dem Partnership-Committee auf dem Programm. Zuvor treffen wir uns mit M.M.Samuel, dem neuen Manager des Projektes, zum Frühstück. Dabei räumt er Missmanagement in der Vergangenheit ein. Die Ausbildung von Lehrlingen könne nicht mehr finanziert werden. Der ehemalige Manager Prabhakar Rao sei oft nur drei bis vier Stunden täglich in der Werkstatt. Mr. Samuel schlägt vor, statt der Ausbildung von Mechanikern eine Fahrschule zu eröffnen! Das alte Auto des Projektes sei nach 22 Jahren nur noch Schrott.

Anschließend fahren wir zur Werkstatt. Die Räume sind leer, geblieben ist nur noch ein Raum, in dem Autos gewaschen werden. Ausbildung findet nicht mehr statt. Der vorgeschlagene Bau eines Ölabscheiders ist nicht realisiert worden, dafür habe er nie Geld erhalten. Besonders Hanno Brandl ist sehr zornig über diese Situation.

Das anschließende Treffen des Partnership-Committee findet im "boys home" statt, direkt neben der Autowerkstatt. Die Leitung hat Bischof Balmi. Er lässt zunächst das Protokoll der letzten Sitzung verlesen (Anlage 4), in dem harte Kritik des Bischofs an dem bisherigen Manager Prabhakar Rao und auch an Isaac Matthew dokumentiert ist. M.M.Samuel, der daraufhin zum neuen Manager bestellt worden war, trägt einen Bericht über die Situation des "Eschwege Bellary Project" vor (Anlage 5), aus dem klar hervorgeht, dass nicht nur die Autowerkstatt geschlossen wurde, sondern dass die Einrichtung auch chronisch defizitär ist. Doch die damit aufgeworfenen Probleme werden nicht diskutiert, sondern es beginnt sofort eine Diskussion über neue Projekte. Tara Kalyani stellt kurz die Idee eines Tailoring-Projektes vor und übergibt mir dafür eine Skizze (Anlage 6).

Erst nach einer Dreiviertelstunde bekomme ich die Gelegenheit, etwas zu sagen.
Ich danke zunächst freundlich für die erfahrene Gastfreundschaft. Dann stelle ich den Vorschlag für eine Partnerschaftsvereinbarung vor, der von Tara Kalyani dem Protokoll der letzten Sitzung beigeheftet worden war.

Der Bischof signalisiert sofort, dass er mit der Vereinbarung einverstanden ist. Auch die anderen "areas" hätten solche Vereinbarungen. Er versteht auch sofort, dass in dem Textvorschlag die Finanzen keine Rolle spielen.

Weiterhin spreche ich offen über unsere Enttäuschung, dass das Werkstattprojekt nur noch als Waschanlage weitergeführt wird und dass wir bisher so wenige Informationen bekommen haben. Er nimmt den Ball auf und bittet den "area chairman", in Zukunft möglichst monatlich über Neuigkeit aus Bellary zu berichten.

Aus der Runde wird gefragt, ob nur der "Chairman" mit Eschwege kommunizieren darf. Ich weise darauf hin, dass zwischen offiziellen Angelegenheiten und dem Informationsaustausch auf möglichst vielen Ebenen unterschieden werden kann. Der "area chairman" dürfe nicht zu einem "eye of the needle" für die Kommunikation in der Partnerschaft werden. Daraufhin erklärt sich der Bischof damit einverstanden, dass es in Zukunft auch informelle Kontakte auf verschiedenen Ebenen geben darf. Eine ganz wichtige Verbesserung!

Die Partner in Bellary werden uns schriftlich mitteilen, wie sie den Betrieb des Kindergartens in Sangankal finanzieren wollen. Auch eine baldige Äußerung zum Text des Partnerschaftsabkommens wird in Aussicht gestellt.

Nach dem Meeting lädt der Bischof zum Lunch in das Hotel Pola ein. Die indischen Teilnehmer essen mit Besteck, nur wir Eschweger mit Fingern!

Nach dem Lunch brechen wir auf, um eine Schule in Moka zu besuchen. Es handelt sich um eine Privatschule, die von Martin Vrema, einem Freund von Harriet, geleitet wird. Martin Vrema begleitet uns. Zunächst kommen wir zu einem größeren Gelände, direkt an der Landstraße gelegen, etwa 1 Ha groß. Dieses Gelände ist ihm geschenkt worden und er möchte darauf eine neue Schule bauen. Es liegt zentral zwischen einer Anzahl von Dörfern ringsum. Direkt nebenan steht eine öffentliche Schule.

Wir kommen nach Moka zu dem bisherigen Schulhaus. Es ist eigentlich ein Wohnhaus, das er angemietet hat. Dort unterrichtet er mit einem Team von fünf Lehrerinnen ca. 150 Schülerinnen und Schüler, z.Zt. in einer Altersspanne von 3 bis 10 Jahren. Die Kinder tragen alle Schuluniformen mit Krawatte, Jungen wie Mädchen! Der Unterricht findet in sehr kleinen Räumen statt. Manchmal sitzen 25 Kinder auf 9 Quadratmetern. Schon die Dreijährigen lernen dort Lesen und Schreiben. Schul- und Unterrichtssprache ist englisch. Die Kinder sind unglaublich ruhig und diszipliniert. Sie zeigen uns ihre Hefte und Bücher und anschließend erleben wir ein eindrucksvolles Kulturprogramm mit verschiedenen Tänzen.

Martin Vrema ist ein frommer Mann. Er hat seine Schule "Good Shepherd’s School" genannt. Im Februar muss er das jetzige Gebäude räumen, der Mietvertrag wurde gekündigt. Eigentlich eine Grund zur Sorge. Doch er verweist auf Phil. 4,6: "Sorgt euch um nichts, sondern in allen Dingen lasst eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden!" Irgendwie, so glaubt er, wird sich ein Weg finden. Zunächst möchte er Hütten auf dem geschenkten Gelände errichten und darin Schule veranstalten. Auch einen Spielplatz möchte er dort anlegen mit Spielgeräten. Für uns klingt das alles unvorstellbar und abenteuerlich. Ich habe ihm vorgeschlagen, eine Schulpartnerschaft mit einer deutschen Grundschule anzubahnen.
Vor dem Schulgebäude stehen zwei gelbe Schulbusse und ein Jeep. Damit holt er jeden Morgen die Kinder in den Dörfern ab und bringt sie abends wieder zurück. Oft muss er die Eltern noch überzeugen, dass sie ihre Kinder in die Schule lassen. Die Eltern müssen 30 Rupien im Monat als Schulgeld bezahlen.

Am Abend waren wir noch zu einer Feier im "boy’s home" in Bellary eingeladen, dem Projekt von Frederick Martin. Doch weil der Bischof sich verspätet, verzögerte sich der Beginn der Feier von 17 auf 20 Uhr. Dort treffe ich Naveena Antin wieder, die 2002 Mitglied der indischen Delegation in Eschwege und zu Gast in meinem Haus war. Sie lädt mich für Sonntag nach dem Lunch zum Kaffee in ihr Haus ein. Sie erinnert sich noch gut an unsere Familie und stellte mir ihren Bruder Daniel vor, einen Bauingenieur. Im Übrigen waren die Moskitos am frühen Abend so schlimm, dass wir uns vor Beginn der Veranstaltung verabschiedeten und ins Hotel zurückkehrten.

(KP)8.00 Uhr Frühstück. Mr. Samuel (er ist als Superintendent für das Eschwege-Bellary-Projekt eingesetzt) kommt gegen 9.00 Uhr dazu und erzählt uns einiges über dieses Projekt. Er möchte mit offenen Karten spielen. Fakt ist, dass aus der Ausbildungsstätte eine Autowaschstation geworden ist. Er legt uns ein Skript mit ein paar Zahlen vor, aus dem hervorgeht, dass monatelang Defizite eingefahren wurden. Außerdem wird die Idee einer Fahrschule darin vorgestellt. Sein Vorschlag ist , mit dieser Fahrschule ein neues Projekt zu starten. Wir machen ihm klar, dass es kein neues Projekt mit einer Fahrschule geben wird. Mr. Samuel ist ein Geschäftsmann und hat keinerlei Verständnis dafür, dass Mr. Prabhakar Rao (nicht zu verwechseln mit dem Rev. - Namensgleichheit -) als Manager eingesetzt wurde. Nach seiner Auskunft ist Mr. Prabhakar Rao absolut unfähig für diesen Posten. Mr. Samuel macht auf mich einen sehr offenen, kritischen Eindruck. Er hat Weitblick.

Vor dem Meeting mit dem Partnerschaftskomitee besichtigen wir unser Projekt. Tatsächlich finden wir 3 leere, saubergefegte Werkstätten und eine "Garage mit Hebebühne" vor. In dieser Garage werden von Hand Autos gewaschen. Das uns gezeigte Werkzeug ist für indische Verhältnisse so sauber, dass ich Zweifel an der Nutzung habe. Ich bin sprachlos, wütend und auch enttäuscht. Das Projekt ist eigentlich gestorben. Ich frage mich nach der Notwendigkeit von 5 Personen, die diese Autowaschstation hat (Superintendent, Manager, Counter, 2 Mechaniker!!)

Um 11.00 Uhr beginnt das Meeting. Ich freue mich, Bischof Balmi zu treffen. Um Wiederholungen zu vermeiden, gehe ich jetzt nicht ins Detail dieses Treffens. Auf jeden Fall war es für uns recht erfolgreich, da ich davon ausgehe, das unsere Partnerschafts-Vereinbarung angenommen wird und Martin deutlich gemacht hat, dass es bei unserer Partnerschaft nicht nur um finanzielle Dinge gehen sollte. Bischof Balmi habe ich in dieser Sitzung als besonnen, ehrbaren und verständnisvollen Mann mit Weitblick erlebt. Er hat uns in jedem Fall verstanden. Die beste Figur in dieser Sitzung gab Martin ab - ich war richtig stolz auf ihn.

Gegen 13.30 Uhr nahmen wir gemeinsam das Mittagessen in unserem Hotel ein. Danach machten wir uns auf den Weg zur Schule (Good Shepherd`s School) von Martin Vrema in dem Ort Moka. Das Gebäude der Schule war nicht besonders groß und die Klassenräume waren ziemlich klein. Dort werden Kinder von 3 bis 7 Jahren unterrichtet. Bei dem Anblick von ca. 15 3jährigen Kindern, die äußerst diszipliniert auf ihren kleinen Plastikstühlchen saßen, um etwas zu lernen, bekam ich etwas Bauchschmerzen.

Die Kinder tanzten und sangen für uns und Martin V. berichtete, dass er mit der ganzen Schule umziehen muss, da der Mietvertrag ausläuft. Bisher weiß er noch nicht genau, wie und wo es weitergehen soll. Zwar hat er in der Nähe dieses Ortes ein Feld geschenkt bekommen, wo er gern ein neues Schulgebäude erbauen würde, jedoch fehlt im das Geld. Martin V. ist ein sehr engagierter Mann. So fährt er morgens mit seinem Privatauto durch die Dörfer und holt die Kinder zur Schule ab. Er finanziert einiges selbst, so z. B. Bücher und Schuluniform. Martin V. ist ein Freund von Harriet und begleitet uns seit Dienstag. Da er alle landesüblichen Sprachen beherrscht, ist er für uns ein guter Übersetzer in den Kirchen und Gemeinden.

Abends fährt Martin V. mit Hanno und mir in die Innenstadt von Bellary, da Hanno noch einige Geschenke für zuhause besorgen möchte. Unser Martin bleibt im Hotel.
Nach einem gemeinsamen Schlummertrunk mit Hanno, Martin und mir falle ich gegen Mitternacht ins Bett.

Samstag, 24.Januar 2004
(MA)Heute ist schon der vorletzte Tag in unserem Programm. Sehr viel länger hätten wir die Anstrengungen sicher auch nicht durchgehalten! Wir fahren nach dem Frühstück nach Siruguppa und lernen dort das Hosabalu-Projekt kennen, in dem sich Harriet sehr stark engagiert. In diesem Projekt geht es vor allem um die "Devadasins", d.h. Mädchen und Frauen, die der Göttin Yellama geweiht sind und deshalb zur Prostitution gezwungen werden. In der Region Siruguppa gibt es ca. 1.400 praktizierende Devadasins im Alter von 25 bis 30 Jahren. Die meisten von ihnen haben durchschnittlich 5 Kinder und keinen festen männlichen Partner. Sie sind arm, Analphabeten und oft mit HIV infiziert. Angehörige der höheren Kasten zwingen immer wieder ältere Devadisins, eine Tochter der Götting Yellamma zu weihen bzw. und damit zur Prostitution freizugeben.
In Siruguppa erwartet uns am Ortseingang eine Kapelle. Wir ziehen mit Pauken und Trompeten durch den Ort bis in das Viertel, wo die Devadasins wohnen. Dort bereitet man uns einen großen Empfang, sehr viele Devadasin-Frauen sind anwesend, die Sozialarbeiter, die in dem Projekt arbeiten, auch der Ortsvorsteher ist gekommen. Man zeigt uns einen Raum, in dem Kleidchen hängen, die die Frauen zu Übungszwecken genäht haben. Mit dem Nähen sollen sie finanziell unabhängig werden.
Anschließend besuchen wir das Büro des Hosabalu-Projekts. Dort ist eine kleine Ausstellung aufgebaut, mit deren Hilfe uns Harriet das Projekt erläutert. Mit einer Straßentheatergruppe, die durch die Dörfer zieht, soll das Bewusstsein der Devadasin-Frauen verändert werden, damit sie ihre Töchter nicht mehr zur Prostitution zur Verfügung stellen. Sozialarbeiter leben in den Slumgebieten und klären auf über Gesundheitsfragen. Die Devadasins werden im Nähen unterrichtet, damit sie sich auf diese Weise Geld verdienen können und nicht mehr auf Prostitution angewiesen sind. Die Kinder werden aufgefordert eine Schule zu besuchen. Insgesamt wird versucht, das Selbstbewusstsein und die Selbstverantwortung der Menschen zu stärken.

Wir erleben ein eindrucksvolles Kulturprogramm mit verschiedenen Tänzen, auch zwei kurios bunt gekleidete Zauberer treten auf. Die Mädchen tragen sehr schöne Kleider, führen einen Stocktanz auf, haben viele Zuschauer und viel Applaus.

Wir besuchen auch die Kirche und das Pfarrhaus. Der Pfarrer hat vier Gemeinden in dieser ländlichen Region zu versorgen, aber noch kein Auto. Er bittet mich, für ihn zu beten.

Von dort fahren wir eine weite Strecke über verschiedene Dörfer, bis hinein in den benachbarten Bundesstaat Andra Pradesch. Die kleinen Dorfgemeinden bereiten uns immer einen sehr herzlichen Empfang, vor allem die Kinder. Sie mögen das Fotografieren über alles und sind begeistert über die kleinen Bildchen auf meiner Digitalkamera. Immer wieder muss ich Grußworte in den Kirchen sagen, wir erhalten Blumenkränze; Menschen kommen mit der Bitte, für sie zu beten oder sie zu segnen.

Spät am Abend erreichen wir die letzte Station Kautalam. Dort wird ein neues Pfarrhaus gebaut, auch ein "boys hostel" soll entstehen. Wir sind bis zum Äußersten erschöpft und freuen uns auf den Heimweg nach Bellary. Es kommt jedoch zu einem kleinen Eklat, als uns der Area chairman noch um 23 Uhr zu M.M.Samuel bringt, bei dem wir eigentlich um 20 Uhr zum Dinner angemeldet waren. Wir sind so erschöpft von diesem Tag, dass wir einfach nur zur Ruhe kommen wollen. Wir erklären M.M.Samuel die Situation und er hat Verständnis, schenkt uns sogar noch einen Schal. Eine unangenehme Situation, hat er doch ein Essen für uns vorbereitet und lange auf uns gewartet! Die Verantwortung für diese schwierige Situation liegt eindeutig beim Area chairman. Ich halte ihm vor: "James, das hättest du nicht tun sollen. Es war keine gute Situation für uns.” Er entgegnet: "Es lag doch auf dem Weg!"

Unterwegs sehen wir einige Blitze am Himmel. Und es geschieht dann etwas ganz Außergewöhnliches: Nach vier Jahren Trockenheit ein Regenschauer! Eigentlich zu dieser Jahreszeit völlig unmöglich.

Um Mitternacht kommen wir zu unserem Hotel zurück, todmüde. Doch wir müssen ja noch Herrnhuter Sterne zusammenbauen!

Nach dem Frühstück fahren wir gegen 8.00 Uhr Richtung Siruguppa. Dort wollen wir uns das Projekt Hosabalu ansehen, in dem sich unsere Harriet sehr stark engagiert. In diesem Projekt geht es darum, Frauen eine Möglichkeit der Ausbildung zur Schneiderin zu geben. Damit sollen sie ihre finanzielle Unabhängigkeit erzielen. Die angesprochenen Frauen des Projektes sind die sog. Devadasins. Das sind Frauen, die aufgrund religiöser Hintergründe von ihren Familien zur Prostitution gezwungen werden. Bei dieser Art von Prostitution handelt sich jedoch nicht um Prostitution für eine Nacht. Die jungen Frauen bleiben bei den Männern so lange, wie die Männer es wünschen. Danach kehren sie nach Hause, um an den nächsten Mann weitergegeben zu werden.

Wir werden in Siruguppa von einer Musikkapelle erwartet und ziehen durch den Ort bis zu dem Projekt. In dem Haus stehen Nähmaschinen. Rund um den Raum hängen "Musterkleidchen" in Puppengrößen. Wir werden sehr herzlich empfangen und mit einem kleinen Kulturprogramm unterhalten.

Kurz bevor wie weiterfahren wollen, bittet uns flehentlich eine Dorfbewohnerin, sie für ein paar Minuten in ihr Haus zu begleiten. Diese Begegnung in dem Haus dieser Frau ist sehr bewegend. Sie weint vor Glück, dass wir ihrer Bitte gefolgt sind.

Bei Harriet nehmen wir unser Lunch ein, besichtigen ihren Neubau und gehen in die Slums. Das dort erlebte kann ich schriftlich nicht wiedergeben. Wir fahren noch einige weitere Dörfer an. Jedes mal gibt es ganz herzliche Begrüßungen und bewegende Situationen. Des öfteren werde ich aufgefordert, für den ein oder anderen zu beten. Dies ist eine ziemliche Herausforderung für mich, obwohl ich in Bangalore bereits damit Erfahrungen machen konnte.

Am Rande unserer Erschöpfung freuen wir uns, dass es jetzt endlich zurück nach Bellary gehen soll. Doch plötzlich fahren wir kurz vor Bellary in einem Ort in eine Seitenstrasse und ich ahne schon etwas. Rev. Kasturi meint allen Ernstes, dass wir jetzt noch unser Dinner bei Mr. Samuel einnehmen sollen (es ist ca. 22.00 Uhr und wir können einfach nicht mehr) Martin, Hanno und ich sind äußerst empört und geben dies auch lautstark an Rev. Kasturi weiter. In diese Situation hätte er uns nicht bringen dürfen. Innerlich bin ich am Kochen. Wir reden selbst mit Mr. Samuel und versuchen, Ihm unsere Situation klarzumachen. Ich hoffe, er hat uns verstanden - und so fahren wir nach ca. 10 Minuten Richtung Bellary. Rev. Kasturi zeigt keinerlei Verständnis oder Regung. Er entschuldigt sich noch nicht mal bei uns. Äußerst peinlich scheint dieses Situation Mr. Matthew zu sein, der uns den ganzen Tag begleitete.

Am Hotel angekommen, setzen sich Martin, Hanno und ich noch einmal zusammen, um unserem Zorn freien lauf zu lassen.

Morgen wird es ab 7.45 Uhr mehrerer Gottesdienste geben (Martin wird die Predigt halten) und wir müssen noch die Herrnhuter Sterne zusammenbauen. Wir beschließen, dies morgen früh zu tun. Ich falle mit Wut im Bauch gegen 1.00 Uhr ins Bett.

Sonntag, 25.Januar 2004
(MA)Früh um 6 Uhr stehen wir auf und bauen die Herrnhuter Sterne zusammen, die wir als Gastgeschenk mitgebracht haben. Diese diffizile Arbeit fällt uns sehr schwer, weil wir noch sehr müde sind. Dann gehen wir zum Frühstück.

Um 7.30 Uhr holt uns das Taxi ab und bringt uns zur Kirche von Isaac Matthew. Es sind nur wenige Leute in der Kirche - für Indien ganz untypisch! -, die Atmosphäre ist gedrückt und langweilig. Ich sage ein Grußwort und übergebe als Geschenk unseren Stern. Natürlich erhalten wir auch hier Blumengirlanden.

Wir verlassen den Gottesdienst vorzeitig, um in Rev. Chandraschekars Kirche zu wechseln. Dort soll ich die Predigt halten. Meine erste englischsprachige Predigt! Auch eine Besuchergruppe aus England ist anwesend. Später sagten sie mir, die Aussprache sei ganz gut gewesen, meine Sprache sei keine typisch englische Kirchensprache gewesen - ein großes Lob! Aber auch in dieser Kirche waren nur wenige Besucher, auch hier war von der Gegenwart des Heiligen Geistes wenig zu spüren.

Dann werden wir in die "John Hand’s Church" gebracht, an der Kasturi Pfarrer ist. Die Kirche ist voll besetzt. Ich predige wieder, wir singen zwei Lieder. Besonders das "Santo Schawukkute" kommt wieder gut an. Nach dem Gottesdienst sitzen wir eine Zeit lang mit den Gästen aus England zusammen, die sehr sangesfreudig sind.

Dann sind wir auf Einladung von Kasturi zum Lunch in die "Communion Hall" eingeladen. Stolz berichtet er, dass die Gemeinde diese riesige Halle aus eigenen Mitteln errichtet hat. Die Erträge aus der Vermietung der Halle kommen der Gemeinde zugute. Jetzt soll auf dem Kirchengelände auch noch eine "Dining-Hall" errichtet werden, die Fundamente sind schon markiert.

Nach dem Lunch holt mich Naveena Antin zum Kaffeetrinken in ihrem Haus ab. Sie lebt in einer vornehmen Villa. Dort treffe ich auch ihren Bruder Daniel wieder, den Bauingenieur. Mit im Haus lebt auch ihre Mutter und ihre Schwester. Naveena arbeitet im Büro für ihren Schwager, der zum Missionswerk von Reinhard Bonnke gehört. Sie schenkt mir ein Buch ihres Schwagers P.S.Rambabu: "Dare to win: Turning Losers into Champions"! Auch Indien bleibt also von solchem Unsinn nicht verschont.

Ich erhalte einen Anruf von Tara Kalyani. Sie möchte mich ebenfalls noch treffen. Doch ich lehne es ab, weil es mir einfach zu viel wird. Jetzt heißt es Koffer packen! Nur mit Mühe kann ich alle Sachen im Koffer verstauen, einiges muss ich auch zurücklassen. Gleich werden wir aufbrechen, Abschied nehmen und mit dem Zug zurückfahren nach Bangalore.

Der Abschied aus Bellary zieht sich lang hin. Zum Bahnhof begleiten uns James Kasturi, Martin Vrema, seine Frau Kavitha, Isaac Matthew und sein Sohn Ravi, Rev. Chandraschekar, Mr. Prabhakar Rao mit seinem Sohn, und nicht zuletzt natürlich Harriet.

(KP)6.00 Uhr Bastelstunde auf meinem Zimmer. Richtig gut drauf ist heute morgen keiner von uns. Trotzdem versuche ich, Hanno immer wieder aufzuheitern. Wie ich die 3 Gottesdienste durchgestanden habe, weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur, dass ich gegen 14.00 Uhr im Hotel bin, meinen Koffer packe und mich für eine Stunde ins Bett lege. Danach treffen wir Harriet, Martin V. , seine Frau und einen Sozialarbeiter aus Harriets Projekt. Wir haben jetzt wieder richtig viel Spaß miteinander, jedoch wissen wir, dass heute der Zeitpunkt des Abschiedes naht und in Hinblick auf Harriet fällt mir dies sehr schwer. Sie hat sich so sehr um uns gekümmert, sie wusste immer, wann wir etwas brauchten und besorgte uns alles, was wir benötigten. Harriet ist eine wundervolle, engagierte Frau, die sich mit ihrer ganzen Liebe für andere Menschen einsetzt. Mit Harriet muss ich eine neue Freundin im weit entfernten Indien zurücklassen.

Um 21.30 Uhr geht unser Zug nach Bangalore. Am Bahnhof "großer Bahnhof" für uns mit ganz vielen Menschen, denen wir begegnet sind. Es gibt viele Tränen - doch ich weiß, dass ich morgen Freudentränen vergießen werde, wenn ich endlich meine Familie in die Arme schließen kann. Dies ist mir ein wahrer Trost und so verbringen wir die Nacht relativ gut schlafend auf den Liegen des Schlafwagens.

Montag, 26.Januar 2004
(MA)Die Züge sind nicht so schlecht wie erwartet. Wir können sogar ein paar Stunden schlafen und treffen gegen 6.30 Uhr in Bangalore ein. Dort wartet schon Moses Vrema auf uns, der Bruder von Martin Vrema. Er bringt uns mit zwei Dreiradrikschas zum Gästehaus des Bischofs, wo wir zwei sehr ordentliche Zimmer bekommen. Aus der Ferne organisiert Harried weiter alles, was wir brauchen. Sie bestellt Peter, den Taxifahrer, der uns den ganzen Tag mit seinem Taxi zur Verfügung steht.

Moses und Martin haben noch sechs weitere Brüder. Moses arbeitet in einer kleinen Lederwarenfabrik im Marketing. Er kam von Bellary nach Bangalore, damit seine beiden Kinder hier gute Schulen besuchen können.

Peter zeigt uns mit seinem Taxi noch einige schöne Ecken von Bangalore. Manche Viertel könnten auch in Italien oder Südfrankreich liegen. Wir werden von Moses eingeladen, seine kleine Lederwarenfabrik zu besuchen. Sie liegt im Obergeschoss eines Wohnhauses. Dort werden Aktentaschen, Geldbeutel und Brieftaschen produziert. Seine Arbeiter erhalten einen Stundenlohn von 20 Rupien. Wir vergleichen Löhne und Preise in Indien mit Deutschland.
Anschließend lädt er uns noch ein in sein Haus. Seine Frau ist Lehrerin, er hat zwei Töchter. Als Geschenk erhalte ich einen Lederbeutel mit Murmeln als Briefbeschwerer.

Bei der Ankunft in Bangalore mit dem Zug, werden wir von Moses, dem Bruder von Martin V. "in Empfang" genommen. Er bringt uns mit 2 Dreirädern zum Gästehaus des Bischofs. Nach dem Frühstück machen wir uns frisch (Die Sauberkeit dieses Gästehauses hat deutschen Standart und ich genieße die Dusche ohne Ekel) und der Taxifahrer Peter, den wir bereits in den ersten Tagen unserer Reise kennen lernten, holt uns ab. (Organisiert hat das ganze Harriet. Sie ruft uns auch heute noch ein paar mal auf dem Handy von Moses an, der uns sein Handy leiht.) Er zeigt uns sehr schöne Plätze von Bangalore. Diesen Tag empfinde ich wie die reinste Erholung. Gegen Nachmittag besuchen wir die Lederfabrikation und die Familie von Moses. In der Nacht fahren wir mit Peter zum Airport und warten auf unseren Abflug um 2.40 Uhr in der Nacht.

Dienstag, 27.01.04

(KP)Um 9.00 Uhr Ortszeit schließe ich meine Familie auf dem Frankfurter Airport in die Arme und bin überglücklich.







(MA)Am Ende der Reise wird es Zeit, Bilanz zu ziehen. Zuerst ist die überwältigende Gastfreundschaft zu nennen, besonders von Harriet, aber auch von vielen anderen. Die Einladungen in die Häuser, das "Garlanding", das Kulturprogramm, die vielen Menschen, die uns empfingen, das alles übersteigt bei weitem das, was wir aus Deutschland gewohnt sind. Es war sozusagen ein "Rundum-sorglos-Paket", das uns da geschenkt wurde. Manchmal kippte es, weil es uns zuviel wurde, aber die Gastfreundschaft wird in Indien groß geschrieben!
Ich möchte dies als Anstoß nehmen, um auch hier in Deutschland ökumenische Gäste noch freundlicher aufzunehmen. Ganz wichtig ist die Aufmerksamkeit für die Gäste und für ihre Bedürfnisse in einem fremden Land mit einer fremden Kultur.

Eine zweite Besonderheit ist die Frömmigkeit, die ich in Indien erlebt habe. So viele Menschen besuchen die Gottesdienste, besonders auch Jugendliche. Kirchen müssen erweitert oder neu gebaut werden. Das Verlangen nach dem Gebet und nach der Fürbitte ist groß. Sehr oft wurde ich in den Häusern oder vor der Kirche gebeten, ein Gebet zu sprechen oder jemanden zu segnen.
Die Pfarrer sind keineswegs besser ausgebildet als in Deutschland, es gibt auch keine besondere Form, die Gottesdienste zu feiern. Im Gegenteil, die dortigen Pfarrer werden von den Laien heftig kritisiert, weil sie die Seelsorge vernachlässigen. Aber die Mentalität in Indien ist einfach anders, die Aufnahmebereitschaft für das Evangelium viel größer.

Beeindruckt hat mich auch das Engagement der Kirche im Bildungsbereich und in sozialen Projekten. Gerade in der KND gibt es viele kirchliche Schulen und entsprechend auch kirchliche Wohnheime für die Kinder vom Land. In diesen Schulen sind zwar die Christen in der Minderheit. Aber es finden ganz regelmäßig christliche Gebetsstunden statt sowie christliche Unterweisung. Auch das Hosabalu-Projekt für die Devadasin-Familien ist beispielhaft.

Natürlich gibt es auch vieles, das ich kritisch sehe. So gibt es z.B. heftige Machtkämpfe zwischen den Amtsträgern, bis hin zu gerichtlichen Auseinandersetzungen. Von Bischof Balmi habe ich jedoch einen positiven Eindruck. Er versucht, die Kirche voranzubringen, aber mit seinem Personal hat er große Probleme. Es wird viel hinten herum geredet, Probleme werden verborgen und unter den Teppich gekehrt, bis hin zu Täuschungsversuchen.

Kritisch sehe ich auch, dass es manchmal an Eigeninitiative fehlt. Man möchte Unterstützung von außen, aber es ist kein Eigenbeitrag vorgesehen. Insgesamt sind die Verantwortlichkeiten nicht geklärt. So hat sich etwa das "Area council" von Bellary nie um das Eschwege-Projekt gekümmert, das Partnerschaftskomitee kam nie zusammen! Und dann will man einfach ein neues Projekt beginnen, ohne aus den Fehlern des alten Projektes zu lernen!

Obwohl in Indien viel gekehrt wird, sind die Straßen und Plätze zum Teil sehr verschmutzt. Auch im Blick auf die hygienischen Verhältnisse fanden wir zum Teil erschreckende Zustände vor, obwohl wir verhältnismäßig gut untergebracht waren. Damit zusammen hängt die unglaubliche Umweltverschmutzung. Baden in den Gewässern ist undenkbar. Wir Europäer können normales Leitungswasser nicht trinken, es wäre gefährlich für unsere Gesundheit. Müll wird einfach aus dem Fenster hinausgeworfen, die Luft in den Städten stinkt nach Ruß und Benzin.

Wie soll es mit der Partnerschaft weitergehen? Zentral ist die Zustimmung zum Partnerschaftsabkommen. Dieses Abkommen, wenn es denn zustande kommt, kann eine gute Basis sein. Der Bischof hat bereits seine Zustimmung signalisiert. Aber werden auch die örtlich Verantwortlichen zustimmen? Sie hielten sich in den Gesprächen noch sehr bedeckt. Sinn und Zweck der Vereinbarung ist vor allem eine weit bessere und dichtere Kommunikation als bisher.
Projekte werden wir nur noch unter ganz engen Bedingungen fördern. Selbstkritisch ist zu sagen, dass wir in der Vergangenheit zu naiv waren und zu viel nachgesehen haben. Oben an steht der Wiederaufbau des Kindergartens in Sangankal. Wenn das Area Council die Finanzierung der laufenden Kosten darstellen kann, sollten wir die Mittel für die Bauinvestition aufbringen.
Das Motorwerkstattprojekt ist in meinen Augen tot. Den Vorschlag, eine Fahrschule einzurichten, halte ich für nicht sinnvoll. Es ist mir unverständlich, dass der bisherige Manager Prabhakar Rao noch nicht entlassen wurde. Er trägt die Hauptverantwortung für das Scheitern des Projekts.
Das von Tara Kalyani vorgeschlagene Tailoring-Projekt ist noch zu unkonkret. Die übergebenen Unterlagen verraten nichts über den Sinn und Zweck des Projektes. Die Details über die Errichtung eines neuen Gebäudes sind undurchsichtig und verwirrend. Warum soll für dieses Projekt ein neues Gebäude errichtet werden, wo doch die Motorwerkstatt jetzt weitgehend leer steht? Das Projekt muss noch genauer besprochen und geprüft werden. Es stellt sich auch die Frage, wer dafür die Verantwortung übernehmen wird.

(KP)Mein persönliches Fazit dieser Indienreise

Meine Erfahrungen und Eindrücke dieser Reise sind so vielschichtig, dass ich sie in verschiedene "Rubriken" einteile:

Wetter und Landschaft

Obwohl es für unsere Verhältnisse doch eher heiß war, konnte man die Hitze gut ertragen. Keiner von uns dreien hatte irgendwelche Probleme. Ich muss dazu sagen, dass wir uns auch selten draußen aufgehalten haben. Die meiste Zeit verbrachten wir in Kirchen, Häusern, Hostels, Hotels oder im Auto.

Die Landschaft gefiel mir überhaupt nicht. Meistens war alles ziemlich flach und bedingt durch den Regenmangel gab es nicht viel Grünes. Oft habe ich mich gefragt, wo wohl die Blumen für unsere Girlanden wachsen mögen.

Straßenverkehr

Der Straßenverkehr ist mit der Situation in Deutschland nicht zu vergleichen. Die Landstraßen sind zu vergleichen mit unseren schlechtesten Feldwegen. Das bedeutet, dass man u. Umständen für 30 km Entfernung eine Stunde Autofahrt benötigt. Ich denke, dass wir mindestens 50 Stunden im Auto verbracht haben.

Der Straßenverkehr in Bangalore ist unglaublich und mit nichts, was ich je gesehen habe, vergleichbar. Auf den Strassen (Linksverkehr) fahren Autos, 3-Räder und 2-Räder, laufen Menschen, Ochsen, Kühe und Hühner. Es gibt ein wildes Gehupe und unter einer Glocke von Abgas-Staub- und anderen Gerüchen scheint relativ wenig zu passieren. Den Strassenverkehr in Bangalore habe ich sehr gemocht.


Essen

Das Essen mit Händen haben wir seit dem ersten Tag in Indien mitgemacht - und ich muss sagen, dass es wirklich leicht ist. Das Essen selbst hat mir immer sehr, sehr gut geschmeckt. Wobei anzumerken ist, dass Harriet für uns die Bestellungen aufgenommen hat und jedes Mal darum gebeten hat, es nicht ganz so scharf zuzubereiten. Sehr schmackhaft war das frische Obst und ganz neu für mich der Geschmack von Kokosnussmilch oder Rohrzuckersaft. Bananen habe ich glaub ich noch nie so viele gegessen wie in diesen zwei Wochen, obwohl es eigentlich die Spezialität von Hanno war.

Begegnungen

Mit allen Menschen, mit denen ich ins Gespräch gekommen bin, fühlte ich mich irgendwie gleich verbunden. Die Menschen in Indien haben eine so fröhliche Ausstrahlung. Die Gastfreundschaft ist mit unserer nicht zu vergleichen. Man wird teilweise regelrecht behütet.

Pfarrer

In Indien bin ich sehr, sehr vielen Pfarrern begegnet. Die meisten waren auch sehr nett und freundlich. Auffällig war, dass die meisten auch sehr wohl genährt waren - dies hat für mich eine ganz symbolische Bedeutung. Denn viele von Ihnen empfand ich als satt. Ich weiß nicht warum, aber etwas in mir gibt mir ein ungutes Gefühl im Hinblick auf diese Pfarrer. Sie alle scheinen sich irgendwie gut zu kennen und irgendwie sind sie eine Institution für sich. Als sehr wichtig empfanden es beispielsweise alle Pfarrer, dass irgendwo ein Gebäude steht, auf dessen Grundstein der eigene Name stand. Der stand dann in aller Regel auch größer auf diesem Stein, als GOTTES Name! Dies ist für mich auch ein Zeichen von Geltungsbedürfnis.

Glaube und Frömmigkeit

Die Inder scheinen sehr fromm zu sein. So sahen wir überwiegend volle Kirchen. Mit der Art der Frömmigkeit vieler Menschen, denen ich begegnet bin, kann ich persönlich nicht allzu viel anfangen und nehme davon sogar Abstand. Beispielsweise hat mir ein Pfarrer ganz stolz erzählt, dass er den Tumor im Bauch seiner Frau regelrecht weggebetet habe. Ein anderer Mann sagte mir, dass er täglich mindestens 45 Minuten bete und ihm Gott aus seiner misslichen Lage schon helfen werde - wichtig sei es, viel zu beten. Auch Martin V. sagte, dass er nur genug beten müsse und der liebe Gott dann schon helfen werde.

Sauberkeit und Hygiene

In Deutschland dachte ich, auf die hygienischen Verhältnisse vorbereitet zu sein - ich war es nicht. Ich war froh, nicht in Küchen sehen zu müssen, nachdem ich in den Restaurants die Toiletten nutzen musste.



Viele Probleme der indischen Bevölkerung ließen sich von innen lösen. Doch von Eigeninitiative wie wir sie hier in Deutschland gewohnt sind, ist in Indien nichts zu spüren. Sie klagen ihr Leid, beten und hoffen auf die Hilfe von Außen. Beispielsweise wäre der Kindergarten in Sangankal in Deutschland längst durch Elterninitiative aufgebaut worden. Viele Krankheiten ließen sich vermeiden, wenn mehr auf Sauberkeit geachtet werden würde. Denn Armut und Sauberkeit stehen nicht im Zusammenhang. Diese Erkenntnis hat mich ein wenig wütend gemacht. Doch es gibt Gott sei Dank einige sehr engagierte Menschen in Indien. Und es sind eben diese Menschen, die wirklich etwas verändern können. Den beeindruckensten Menschen, den ich getroffen habe, war ein Sozialarbeiter in den Slums von Siruguppa - er wohnte mit seiner Familie in einem Haus inmitten den Slums. Nur so kann er etwas bei den Menschen erreichen. Vor ihm ziehe ich den Hut.

Eschwege, am 30.Januar 2004

Dr. Martin Arnold
Karin Perels
Karin Perels, Hanno Brandl und Dr. Martin Arnold vor dem Abflug

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