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Nicht zur, wenn der Pfarrer Urlaub hat

Mo 15.09.2003
50 Männer und Frauen halten im Kirchenkreis ehrenamtlich Gottesdienste
Am 7. September wurde im Kirchenkreis Eschwege in den meisten evangelischen Kirchen die Predigt von Lektorinnen und Lektoren gehalten - nicht, um den Pfarrern einen freien Sonntag zu bescheren, diese sollen vielmehr gemeinsam mit den Lektoren die Gottesdienste gestalten. Durch diesen "Lektorensonntag" will die evangelische Kirche auf Menschen aufmerksam machen, die ein besonderes Amt ausüben: 50 Männer und Frauen aus den Gemeinden halten als Lektoren regelmäßig im Kirchenkreis selbständig Gottesdienste. Sie tragen die Verkündigung als eine zentrale Aufgabe der Kirche mit. Im vergangenen Jahr standen im Kirchenkreis 475 mal Lektoren auf der Kanzel, das war bei 13 Prozent aller Gottesdienste. Zum Lektor wird man auf Vorschlag des Kirchenvorstands und nach einer entsprechenden Schulung vom Bischof der Landeskirche berufen. In einem Gottesdienst werden die Lektoren in ihr Amt eingeführt und mit der Wortverkündigung beauftragt. Sie erhalten für ihren Dienst Predigtvorlagen, die von Pfarrern verfaßt wurden. Regelmäßige Treffen sorgen für die weitere Begleitung der ehrenamtlich Tätigen.
Daß Gemeindemitglieder diesen Dienst ausführen, ist nicht immer selbstverständlich gewesen. Bis zur Reformation war die Gestaltung der Gottesdienste den geweihten Priestern vorbehalten, es gab keine aktive Beteiligung der Laien. In der Reformation wurde die biblische Lehre vom "allgemeinen Priestertum der Gläubigen" wiederentdeckt. Sie besagt: alle getauften Christen tragen die Kirche mit, es gibt keine besondere Klasse von Menschen, die näher an Gott stehen und den anderen das Heil zu vermitteln hätten. Die Christen bilden gemeinsam die Kirche und sind so, nach einem Bild des Neuen Testaments, mit ihren unterschiedlichen Fähigkeiten Gliedmaßen am Leib Christi. In manchen Freikirchen setzte sich gemäß dieser Einsicht damals schon die Laienpredigt durch. In der evangelischen Kirche lag und liegt die Hürde für die Laienpredigt bis heute recht hoch, weil die Predigt an Bibel und Bekenntnis gebunden ist. Diejenigen, die eigenständig predigen, sollen dazu besonders ausgebildet sein, meist durch ein Studium. So war das Predigtamt in der allgemeinen Wahrnehmung ein Dienst für studierte Leute. Neben den Pfarrern waren es zuerst die Lehrer die selbständig Gottesdienste hielten. Seit den sechziger Jahren kamen dann auch Menschen aus anderen Berufsgruppen hinzu, zunächst vor allem deshalb, weil es nicht genug Pfarrer gab.
Gerhard Heine aus Meinhard-Frieda, pensionierter Handwerksmeister und seit 1964 Lektor, erinnert sich an lange Vakanzen, in denen kein Pfarrer da war und die Lektoren besonders oft die Gottesdienste hielten. Über dreißig Gottesdienste hat er damals jährlich gehalten. "Sich nach einer langen Arbeitswoche vorbereiten und am Sonntag losgehen - da mußte man sich manchmal schon überwinden. Aber es hat sich gelohnt, wenn man merkte, daß sich zu den Gemeinden eine Beziehung aufbaute. Und man profitierte ja selbst dabei."
"Es ist eine erfüllende Aufgabe", meint auch Hagen Strieb aus Grebendorf bei Eschwege. Für den Ingenieur ist die intensive Auseinandersetzung mit der Bibel der größte persönliche Gewinn, den er aus der Lektorentätigkeit zieht. Allein eine fertige Predigt vorzutragen ist nicht seine Sache. Während der Vorbereitung über einem Bibeltext zu sitzen, ihn abzuhorchen und dabei auch selbst im Glauben weiterzukommen sind ihm wichtige Ziele. Bereichernd ist für ihn - wie für wohl alle Lektoren - die Erfahrung, in einer Gemeinde herzlich aufgenommen zu werden und im Gottesdienst gemeinsam Gottes Kraft für unser Leben zu erfahren.
Lektor Gerhard Heine aus FriedaLektor Hagen Strieb aus Grebendorf

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