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Deutsche Stiftung Denkmalschutz und Land Hessen unterstützen Restauration der ehemaligen Synagoge in Abterode

Fr 27.10.2017 20:50
Die Synagoge in Abterode (Werra-Meißner-Kreis) wird bei ihrer Erbauung im Jahr 1871 wohl die prächtigste Dorfsynagoge in Hessen gewesen sein. Sie wurde in der Ortsmitte errichtet und hebt sich in ihrer Größe und in ihrem historisierend-romanischen Baustil sowohl von den Häusern der Umgebung als auch von den vielen anderen dörflichen Synagogen ab, die es in der Region Werra-Meißner gegeben hat. Das Gebäude steht für das gewachsene Selbstbewusstsein der ehemals großen jüdischen Gemeinde in Abterode, die dort seit dem Beginn des 17. Jahrhunderts gelebt hat und durch den Nationalsozialismus im Jahr 1941 ausgelöscht wurde. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts war es die größte jüdische Gemeinde in Niederhessen, die zeitweise ein Viertel der Bevölkerung Abterodes umfasste. Sie brachte bedeutende jüdische Gelehrte hervor wie etwa den in Frankfurt am Main wirkenden Talmudgelehrten Rabbi Dawid Abterode und den in Abterode lebenden Kantor und Thoraschreiber Juda Löb ben Mose Selichower, der religiöse Lieder in hebräischer und deutscher Sprache verfasste. Neben der Synagoge ist in Abterode auch ein großer jüdischer Friedhof erhalten, der bereits im Jahr 1659 angelegt wurde.

Veronika Kühnapfel, Ortskuratorin Witzenhausen und Werratal der Deutschen Stiftung Denkmalschutz (DSD), überreichte nun im Beisein von Holger Petri von Lotto Hessen einen Fördervertrag über 45.000 Euro an Matthäus Mihm von Aufwind e.V. für die ehemalige Synagoge in Abterode. Die Vertragsübergabe fand vor Ort in der Synagoge statt. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz beteiligt sich mit diesen Fördermitteln an der Sanierung der Dachgeschossdecke.

Die Inneneinrichtung der Abteröder Synagoge wurde in der Reichspogromnacht - in Abterode bereits am 8. November 1938 - zerstört. Die jüdischen Bewohner des Ortes wurden deportiert oder vertrieben. Im Jahr 1941 galt Abterode als "judenfrei". Das Gebäude sollte ursprünglich abgerissen werden, um die Erinnerung an die Juden im Ort für immer auszulöschen. Das wertvolle Gebäude wurde jedoch schließlich an die Spar- und Darlehenskasse verkauft mit der Auflage, es baulich so zu verändern, dass sein Charakter als Synagoge "für alle Zeiten aus dem Straßenbild" gelöscht würde. Von 1945 bis 1950 war dort eine landwirtschaftliche Berufsschule untergebracht, anschließend wurde sie vom Raiffeisenverband als Lagerraum genutzt. Einige störende bauliche Veränderungen konnten bei einer Sanierung im Jahr 1992/93 wieder rückgängig gemacht werden.

Im Jahr 2013 eröffnete der Verein "Aufwind", der vielfältige Hilfen für Menschen mit seelischer Erkrankung im Werra-Meißner-Kreis anbietet, im Erdgeschoss des Gebäudes ein "Lädchen für alles …". Mit dem Laden wurde bereits verloren gegangene Infrastruktur nach Abterode zurückgebracht und es entstanden zugleich integrative Arbeitsplätze für Menschen mit seelischen Behinderungen. Der Verein war sich jedoch stets der besonderen Verantwortung bewusst, die sich mit der Nutzung des Synagogengebäudes verband. Das "Lädchen für alles" wird inzwischen gut angenommen. Im Erdgeschoss ist ein Verkaufsraum eingerichtet, das Obergeschoss wird teilweise als Lagerraum genutzt.
Zentral in Abterode, einem Ortsteil von Meißner, entstand die Synagoge um 1870 als zweigeschossiger, dreiachsiger Massivbau. In der Pogromnacht 1938 wurde das Gebäude beschädigt, wenige Jahre später war die jüdische Gemeinde ausgelöscht. Eigentlich sollte auch das Synagogengebäude abgerissen werden, um alle Spuren der Erinnerung an jüdisches Leben zu vernichten.

Seit den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gibt es verstärkte Bemühungen, die Spuren jüdischen Lebens zu erhalten und sich mit der Geschichte der jüdischen Minderheit auseinanderzusetzen. Der Absicht der Nationalsozialisten, alle Spuren jüdischen Lebens auszulöschen, soll eine Gedenk- und Erinnerungskultur entgegengesetzt werden. Von den ehemals 14 Synagogen im Werra-Meißner-Kreis sind nur noch die Gebäude in Abterode, Eschwege, Harmuthsachsen, Hebenshausen, Nesselröden, Sontra und Diemerode erhalten. Keines dieser Gebäude hat jedoch die Größe und bauliche Qualität wie die Synagoge in Abterode. Wegen anderer Nutzungen oder wegen ihres baulichen Zustandes steht auch kein anderes Gebäude als Gedenk- und Lernort zur Verfügung.

Im Jahr 2014 beschloss der Verwaltungsrat des Vereins "Aufwind", im Obergeschoss des Gebäudes einen Gedenk- und Lernort für das jüdische Leben in der Region einzurichten. Diese Entscheidung wurde auf dem Hintergrund getroffen, dass durch die nationalsozialistische Ideologie vom "unwerten Leben" neben Juden auch Menschen mit psychischen Erkrankungen ausgegrenzt und - im Rahmen der sogenannten "Euthanasie" - ermordet wurden.

Im Obergeschoss der Synagoge sind einige Rundbogenfenster und Details der originalen Fassadengestaltung erhalten, ebenso bedeutende Reste einer Ausmalung mit stilisierten Pflanzenornamenten. Die Decke ist mit farbigen Blumen und Rankenwerk geschmückt, die Felder zwischen den Blumendekorationen mit dunkelblauen Davidsternen gefüllt. Die Orte, an denen Leuchter angebracht waren, sind durch Stuckmedaillons gekennzeichnet.

Das Obergeschoss ist über einen separaten Eingang an der Ostseite zugänglich. Es ist der ehemalige Aufgang zur Frauenempore. Über dem Eingang befindet sich eine hebräische Inschrift: "Kommt, lasst uns gehen auf den Berg des Herrn, zum Haus des Gottes Jakobs". Neben dem Eingang befindet sich eine Hinweistafel, die über die Geschichte des Gebäudes informiert.

Die historischen Raummerkmale, die an die ehemalige Nutzung als Synagoge erinnern, sollen baulich gesichert und restauriert werden. Der neue Raum soll nicht möbliert werden, es soll auch kein klassisches Museum entstehen. Vielmehr sollen großformatige Fotos an jüdisches Leben in Abterode und in der Region erinnern. Weiterhin soll ein museumspädagogisches Konzept entwickelt werden, um jüdische Kultur erlebbar zu machen.

Der Gedenk- und Lernort soll für die Öffentlichkeit zugänglich sein. Er kann von Schulklassen und Nachfahren der jüdischen Familien besucht werden, die einst in Abterode lebten. Er soll als Gedenkort dienen für ehemalige jüdische Mitbürger und auch Raum bieten für besondere Veranstaltungen wie etwa Konzerte und Lesungen.

Die für Abterode ortsgeschichtlich und städtebaulich bedeutende ehemalige Synagoge gehört zu den über 180 Projekten, die die Deutsche Stiftung Denk-malschutz dank Spenden und Mittel der GlücksSpirale, der Rentenlotterie von Lotto, allein in Hessen fördern konnte.
Rolf Eckhardt (Aufwind), Bürgermeister Friedhelm Junghans, Dr. Martin Arnold (Dekan des Kirchenkreises Eschwege), Holger Petri (Lotto Hessen), Matthäus Mihm (Aufwind), Veronika Kühnapfel (Stiftung Denkmalschutz) und Lena Arnold (Mitglied des Landtages)

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