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Erinnerungsabend an Richard Altschul in der "Heilig-Geist-Kapelle"

Sa 18.03.2017
Stephan BretschneiderStephan BretschneiderErinnerung an Richard AltschulBis auf den letzten Platz war die "Heilig-Geist-Kapelle" am Brückentor besetzt, als am 16. März mit einem Lese- und Erinnerungsabend an Richard Altschul gedacht wurde. "Erinnern - nicht vergessen" war das Thema des Abends, an dem auch an andere Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft erinnert wurde.Torsten RostAnnemarie MihrYork-Egbert König

Zu Beginn des Abends begrüßte Torsten Rost, Geschäftsführer der DiaCom Altenhilfe, in freundlicher Weise die Teilnehmer. Dabei ging er auf die Geschichte der "Heilig-Geist-Kapelle" und die des Seniorenwohnheims Brückentor ein. Dort war Richard Altschul von 1909 bis 1934 als Verwalter des damaligen städtischen "Alters- und Siechenhauses vor dem Brückentor" beschäftigt. Im Seniorenwohnheim soll demnächst ein Raum nach Richard Altschul benannt werden.
Heinrich MihrLothar SechtlingInteressierte Zuhörer
Anlass und Ablauf des Abends erläuterte danach Heinrich Mihr, früherer Pfarrer der Stadtkirchengemeinde, der zusammen mit seiner Frau den Abend initiiert hatte. Bereits 2008 habe er im Gemeindebrief einen kurzen Artikel über Richard Altschul veröffentlicht Er verwies er auf die Arbeiten von Dr. Michael Dorhs, der die Verfolgung "nicht-arischer” Christen im Dritten Reich" erforscht hat. Zu dieser Opfergruppe habe auch Richard Altschul gehört. York-Egbert König vom Eschweger Stadtarchiv und Dekan Dr. Martin Arnold haben in den letzten Jahren weitere Einzelheiten zur Biographie von Richard Altschul ermitteln können.

York-Egbert König erläuterte die Aktion Stolpersteine und ging auf die Biografien der Menschen ein, für die am folgenden Tag weitere Stolpersteine durch den Künstler Gunter Demnig in Eschwege verlegt werden sollten.

Annemarie Mihr ging auf die Verfolgung "nicht-arischer” Christen im Dritten Reich ein. Sie sprach davon, dass das Bewusstsein für die Verfolgung dieser Menschen, zu denen auch Richard Altschul gehört habe, erst ganz spät gewachsen sei. Dass es so gut wie keinen offiziellen Protest der Kirchen gegen die Verfolgung dieser getauften Gemeindeglieder gegeben hätte, könne man im Grunde als "Verrat am Sakrament der Taufe", so Michael Dorhs, bewerten. Der damalige inoffizielle Einsatz einiger Christen für diese Opfergruppe sei zudem nicht ausreichend gewürdigt worden.

Die Biografie Richard Altschuls wurde von York-Egbert König dargestellt. Richard Altschul war 1873 als Kind jüdischer Eltern geboren worden. 1900 ließ er sich in Hamburg taufen, trat 1902 als -wie es damals hieß- "bekehrter Israelit" in das Hessische Brüderhaus in Treysa ein und wurde 1905 als Diakon eingesegnet. Nach seiner Versetzung in den Ruhestand zog er mit seiner Frau nach Kassel. Dort litt er sehr unter der Ausgrenzung und Verfolgung von Christen jüdischer Herkunft durch Staat und Kirche. Im Juni 1939 teilte ihm der Vorsteher des Brüderhauses mit, dass der Brüderrat beschlossen habe, ihm den "unabweisbaren Rat" zu geben, sofort seinen Austritt aus der Brüderschaft Hephata zu erklären. Als Grund wurde vermerkt: "nicht arisch". Im November 1942 wurde er im Alter von 69 Jahren in Kassel verhaftet und im sogenannten "Arbeitserziehungslager" Breitenau inhaftiert. Von dort wurde er im September 1943 nach Auschwitz deportiert und dort am 30. Oktober 1943 ermordet.

Diakon Lothar Sechtling überbrachte danach ein Grußwort der Diakonischen Gemeinschaft Hephata, der früheren Brüderschaft. Man sei sich der großen Schuld bewusst, die man damals mit der Ausgrenzung von Richard Altschul auf sich geladen hätte. Diese Schuld könne nicht rückgängig gemacht werden. In Hephata sei eine Stele als Mahnmal und als Erinnerung an Richard Altschul errichtet worden. Auch eine Straße sei nach ihn benannt worden.

Hauptteil des Abends war dann die Lesung von Stephan Bretschneider, früher Pfarrer in Eschwege, aus den Reisetagebüchern seiner Großmutter Minna Greve. Diese hatte 1918 und 1919 Familie Altschul in Eschwege besucht. Minna Greve wohnte in Hamburg und hatte wohl von daher freundschaftliche Beziehungen zu Familie Altschul.
Die ausführlichen, anrührenden, geradezu literarischen Schilderungen der Ferienreisen nach Eschwege vor nahezu 100 Jahren riefen bei den Zuhörern so manches Schmunzeln hervor.
Durch die Schilderungen der Überlandfahrten in der der Pferdekutsche, der Wanderungen durch heute noch bekannte Landschaften in der Nähe von Eschwege oder der dienstlichen Tätigkeiten des städtischen Desinfektors Richard Altschul wurde ein wunderschönes Bild von Eschwege und Umgebung vor 100 Jahren gezeichnet. Dass es auch eine schwere Zeit am Ende des 1. Weltkriegs und in der Nachkriegszeit war, schimmerte auch durch.
Beeindruckend war auch die Schilderung der in der Familie Altschul praktizierten Frömmigkeit und die Berichte von Gottesdienstbesuchen in den Eschweger Kirchen. Er war aktives Glied der evangelischen Gemeinde. Richard Altschul war, so wurde aus der Lesung deutlich, mit seiner Familie ganz und gar in die bürgerliche Gesellschaft Eschweges und in das kirchliche Leben integriert. Die Reiserinnerungen zeigen ganz deutlich die Normalität des Lebens von Familie Altschul.
Erst die Kategorisierung durch die rassistischen Nürnberger Gesetze habe ihn dann zu einem Verfolgten gemacht.

In abschließenden Worten erinnerte Heinrich Mihr an Richard von Weizsäckers Rede am 8. Mai 1985:
"Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart. Wer sich der Unmenschlichkeit nicht erinnern will, der wird wieder anfällig für neue Ansteckungsgefahren."
Stolperstein  am FolgetagStolpersteinverlegung  am Folgetag

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