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Eschweger Dekan bringt Regionalstudie über Kirche und NS-Zeit heraus

Di 15.11.2016 09:54
Eschwege (epd). Die Rolle der evangelischen Kirche im Kirchenkreis Eschwege während der Zeit des Nationalsozialismus hat der amtierende Dekan des Kirchenkreises, Martin Arnold, in einem jetzt erschienenen Buch aufgearbeitet. Es sei ihm wichtig, dass sich die Kirchengemeinden mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzten, sagte Arnold am Montag dem Evangelischen Pressedienst (epd). Er habe herausfinden wollen, ob die Kirche Motor des Nationalsozialismus oder Sand in dessen Getriebe gewesen sei. Eine einfache Antwort hierauf gebe es zwar nicht, doch sei die Rolle der evangelischen Kirche "kein Ruhmesblatt" gewesen, sagte er.

Gleichwohl müsse das Verhalten der Kirche und der evangelischen Christen differenziert betrachtet werden, sagte Arnold weiter. So habe es viele Konflikte zwischen der Kirche und der NS-Führung gegeben. "Wenn die Hitlerjugend eine Konfirmandenfreizeit gesprengt hat, gab es heftigste Proteste", nannte Arnold ein Beispiel. Aber auch der Versuch der Deutschen Christen, kirchliche Parallelstrukturen aufzubauen, sei auf Widerstand gestoßen. Gegenüber der Leidenssituation von Juden, Kommunisten oder anderen Opfern des Nationalsozialismus aber habe die Kirche geschwiegen. "Da gab es blinde Flecken", sagte Arnold.

Arnold hat für sein Buch in den vergangenen zwei Jahren unterschiedlichste Dokumente wie etwa Kirchenvorstandsprotokolle, Pfarrchroniken oder auch Lageberichte der Gestapo ausgewertet. "Die Evangelische Kirche als ganze, aber auch ihre Verantwortungsträger in der Region Eschwege haben den Nationalsozialismus lange verkannt", bilanzierte Arnold. Leider habe nach 1945 kaum ein Amtsträger den Mut gefunden, die eigene Rolle während der NS-Zeit kritisch zu beleuchten. (14.11.16)


Das Buch "Der Kirchenkreis Eschwege und der Nationalsozialismus" von Martin Arnold, erschienen beim Evangelischen Medienverband Kassel, ISBN 978-3-89477-890-3, ist im Buchhandel für 15 Euro erhältlich.
Landrat Stefan Reuß (links), Präses Ludger Arnold (rechts) und Bischof Dr. Martin Hein (2. von rechts) mit dem AutorEtwa 50 Zuhörer waren zur Buchvorstellung erschienen

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