Aktuelles Gesamtübersicht

Von der Toleranz Gottes und der Intoleranz der Menschen

So 24.02.2013 17:03
Professor Dr. Ulrich H.J. Körtner aus Wien zu Gast in der Pfarrkonferenz Eschwege
Für Toleranz sind zwar irgendwie (fast) alle. Doch schon bei der Definition des Begriffs zeigen sich Probleme. Was meint Toleranz eigentlich? Wo beginnt Toleranz, wo hört sie auf? Wo liegen ihre Wurzeln und ihre Widerstände? Mit diesen Fragen setzte sich Ulrich Körtner, Professor für Systematische Theologie an der Universität Wien, in einem Vortrag in der Pfarrkonferenz des Kirchenkreises Eschwege auseinander. Gemeinhin gilt die Forderung nach religiöser Toleranz als eine Frucht der Aufklärung. Doch schon bei Luther findet sich die Rede von der "Toleranz Gottes", die das Böse und den Sünder nicht nur erträgt, sondern auf sich nimmt bis zum Tode am Kreuz. Die Feindesliebe Gottes sei ein Beispiel für Toleranz, so Körtner. Sie zeige sich in der Bereitschaft, lieber Unrecht zu erleiden als Unrecht zu tun. In der Praxis ließen es die Reformatoren jedoch oft an der Toleranz fehlen, wie etwa die Verfolgung der Täufer oder Luthers Polemik gegen die Juden zeigen. Deshalb gelte es zum Reformationsjubiläum 2017 nicht nur die Licht-, sondern auch die Schattenseiten der Reformation in Erinnerung zu rufen.
Das Toleranzverständnis der Aufklärung sei jedoch ebenfalls problematisch, weil es die Wahrheitsfrage von vornherein außer Acht lasse und den Geltungsanspruch der Religionen nicht ernstnehme. Toleranz bestehe gerade darin, etwas gelten zu lassen, dessen Geltungsanspruch zugleich bestritten werde. In diesem Sinne könne Luthers Rede von der "Toleranz Gottes" einen wichtigen Beitrag leisten zur heutigen Diskussion über das Toleranzverständnis. Konkret plädierte Körtner für ein Recht auf Religionskritik: "Der Anspruch der Religionen, in der Öffentlichkeit an anderen Religionen oder gesellschaftlichen Verhältnissen Kritik üben zu dürfen, muss die Bereitschaft, sich selbst mit allen zulässigen Mitteln der freien Meinungsäußerung kritisieren zu lassen, einschließen. Eine Religion, welche sich selbst gegen jede Kritik verwahrt und immunisiert, ist totalitär." Deshalb dürfe man die Grundrechte der Meinungsfreiheit und der Religionsfreiheit nicht im Namen der Toleranz einschränken.
Nach einer anschließenden Diskussion dankte Dekan Dr. Martin Arnold dem besonderen Gast mit einer stracken "ahlen Wurst". Dieser nahm das Geschenk mit Humor. Habe doch schon die Reformation in Zürich mit einem Wurstessen in der Fastenzeit begonnen!
Professor Körtner (links) und Dekan Arnold

» zurück