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Geistliche Impulse in TEN SING - Teil II - von Diana Wetzestein

Fr 30.11.2012 09:10
Alte Klostermauern mit moderner Botschaft
Junge Christen treffen sich in der Mitte Deutschlands

Volkenroda. In der Kirche ist es taghell. Die Sonne scheint durch die Fenster an der Ostseite und bildet an der gegenüberliegenden Wand deren Umrisse ab. Glaselemente gibt es an allen Seiten, es ist der richtige Ort, die richtige Zeit für den Sonntagsgottesdienst.
Zehn Uhr, die Musik zieht die Aufmerksamkeit der Besucher in der voll besetzten Kirche auf sich. Ein uraltes Ritual wird gefeiert, heute einmal anders. Seitlich hat sich eine Band aufgestellt. Zwei spielen Gitarre, einer das Keyboard und drei Jugendliche singen. Unter den etwa 120 Zuhörern sind an diesem Morgen über 90 Jugendliche der Jugendgruppe Ten Sing des CVJM Deutschland e. V., Liedzettel haben sie in der Hand, alle singen mit, während draußen der Novemberwind das letzte Laub von den Bäumen weht.
Die Jugendlichen im Alter von 13 bis 18 Jahren reisten aus allen Bundesländern am Freitagabend an, fanden sich zum Homeseminar ein, das in sechs Workshops auf Glaubensfragen ausgerichtet und mit moderner Musik, neuen Medien und viel Gemeinschaftssinn ausgestattet war. "Ich bin daran gewachsen, dass meine Freundin mit mir Schluss machte", sagt ein Teenager während des Gottesdienstes, ein zweiter erzählt von seinem Verkehrsunfall und dem Gefühl der Hilflosigkeit, als er krank war. Ein Aufeinander zugehen, so wie es bei Ten Sing gelebt würde, habe ihnen geholfen, über schwierige Zeiten hinwegzukommen und daraus zu lernen. Im Gottesdienst machten sie diese Zuwendung außergewöhnlich dynamisch sichtbar, neben viel Musik von Band und Sängern, gibt es jugendliche Fürbitten, Banner werden hochgehalten und durch den Raum getragen, dem Nachbarn die Hand gereicht.
Pfarrer Dr. Albrecht Schödl hatte ihnen bei der Gestaltung freie Hand gelassen. "Die Jugendlichen sind hier an einem besonderen Ort", sagt er. Tatsächlich hatten die meisten Ten Singer vom historischen Kloster der ökumenisch ausgerichteten Jesus-Bruderschaft andere Vorstellungen. "Richtig cool hier", sagt ein Teilnehmer, "tolle Zimmer und krasse Architektur", ein anderer. "Auf den Mauern von 1131 wurde hier weitergebaut und die Moderne nicht ausgeschlossen", erzählt der 39-jährige Pfarrer. Auf der Klosteranlage befindet sich die älteste noch erhaltene Zisterzienser-Klosterkirche Deutschlands. Nach der Wende drohte alles zu verfallen, 1994 fand sich als neuer Besitzer die Jesus-Bruderschaft aus dem hessischen Gnadenthal, danach wurde mit der Sanierung begonnen, im August 2001 stellte man der Klosterkirche den Christus-Pavillon der EXPO 2000 zur Seite. Ein neues Nutzungskonzept machte den Weg frei für heute 25 Mitarbeiter, ein Architekturbüro, eine Bauhütte, ökologische Landwirtschaft und das europäische Jugendbildungszentrum.
Optisch sind die alten Mauern und die moderne Architektur durch eine quadratische Teichfläche getrennt, verbunden durch das Gästehaus, in der die Jugendgruppe viel Platz hatte. "Wir wurden mit Fair-trade und Bio-Produkten jeden Tag bekocht", schwärmt eine Mitwirkende.
Der Gottesdienst ist jung und modern, aber Anblick der Christus-Figur über dem Altar in Volkenroda ist dagegen gewöhnungsbedürftig. Er zeigt einen Korpus ohne Arme, der Kopf unvollständig, vom Holzwurm zerfressen, von Kriegen und Witterung gezeichnet. "Er stammt aus dem 14. Jahrhundert, wurde bewusst nicht repariert, die Zeit und ihre Folgen sollen sichtbar bleiben", heißt es in einem Begleitheft zur Klosteranlage. Das passe genau zum Konzept dieses Ortes, sagt der Pfarrer nach dem Gottesdienst. Man solle dort, mit der Realität konfrontiert, neue eigene Wege für die Zukunft finden.
Die Botschaft scheint angekommen. Und nach drei Tagen im Kloster Volkenroda verabschieden sich die Ten Singer aus allen Bundesländern dann noch einmal in ihrem Abschiedsritual. Sie bilden einen Kreis und laufen abwechselnd singend und tanzend an allen Freunden vorbei. "Macht’s gut, bis bald", rufen sie gemeinsam, bevor jeder wieder seiner eigenen Wege geht.

mit freundlicher Genehmigung von Diana Wetzestein (Mutter eines Teilnehmers, freie Journalistin)
www.frau-der-feder.de

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