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Neujahrsgrüße von Propst Vallo Ehasalu aus Estland

Sa 31.12.2005 14:02
Lieber Schwester und Brüder in Eschwege!


Mit einem Wunsch, etwas aus unserem Leben mit Euch auszutauschen, schreibe ich den Brief. Die Menschen denken an unsere Begegnungen, in Eschwege sowie bei uns, zurück, und das erinnert mich immer wieder an meinen Breifschuld. Das schöne Weihnachtsgruss von Martin und viele elektronischen Briefe von Stephan haben mich gefreut.

Wir haben schöne Weihnachten gehabt. Alle Gemeinden berichten über vielen Leute in den Kirchen. Wir hatten auch weisse Weihnachten. Wir haben lange kalt gehabt, sogar -17 hat einige Tage gedauert. Die kleineren Wege sind wie Tunneln von gebogenen weissen Hazelnussbäumen gewesen, und sind immer noch. Gestern Morgen ist der Frost gemildert worden, bis -12.Heute schmiltzt es schon. Das Herbst ist aber lang und warm gewesen.

Dieses Sommer sah ich in Elva einen Auto, mit Kennzeichen ESW ... Ich ging kurz weg und kam wieder, ich wollte die Leute treffen. Und da waren sie, Frau und Mann, bei geöffneten Autotüren. Ich habe sie angesprochen. Die Leute meinten überrascht, es ist ja schön, in Deutschland müssen sie manchmal erklären, wo liegt Eschwege, in Estland rennt jemand herbei und fragt, "seid ihr wirklich aus Eschwege”.

Einmal habe ich irgendwo zwischen Rõngu und Sangaste einen LKW mit der Anschrift "Waldkappel …” auf der Lastdecke eingeholt. Es gibt ja so viel Gemeinsames unter uns.

Das Jahr ist voll Beschäftigung und Freude gewesen, macht sogar Angst, weil ein Jahr wie 2005 nur schwer zu übertreffen ist. Die grösste Zufriedenheit besteht ja gerade darin, das Vorhergegangene zu übertreffen.

Wir wissen schon, wie gross die Freude mehreren unseren Menschen war, Deutschland zu sehen, Eure Gäste zu sein. Ebenfalls war es uns eine Freude, deutsche Gäste bei uns zu haben.

Im September waren wir mit 40 Jugendlichen aus allen Gemeinden der Propstei in Jämtland, wo wir auch eine Partnerschaft haben, mit dem Kirchenkreis Östersund. Wir sind mit Buss und Schiff hingefahren. Die Gemeinde Frösö und der Pfarrer Göran Modén haben um uns gekümmert. Leichte Gäste waren wir nicht. ZB als die Gastgeber uns von sicheren Abstand den Are Berggipfel zeigen wollten (die Anlagen für Touristen sind aus technischen Gründe beim Unwetter ausser Betrieb), haben wir zu Fuss hingestrebt. Einige haben es erreicht, aber viele waren bekümmert, weil vom unten schien es schlimmer als auf dem Bergabhang selbst.

Während unserer Aufenthalt haben wir uns viel an Musik gewidmet. Unsere Jugendlichen haben gleich einen Chor zusammengestellt und einen Konzert gegeben. Die Gastgeber waren überrascht. Sie wussten, dass wir ganz wenig gemeinsame Übung hatten.

In Frösö haben wir auch Jugendliche und deren Eltern, die in 2004 bei uns zu Gast wareen, getroffen. Dankbar haben sie an diese Tage gedacht und uns Mut gemacht. Waren ja wir alle durch die verschiedenen, tollen Veranstaltungen in Jämtland so beeindruckt, unser Tun vor einem Jahr in Valgamaa, das alles, was wir im Programm hatten, schien uns nur gering. Aber die Schweden haben sich gefreut.

In der Propstei gibt es manches Neues. Tiit und Miina Kuusemaa ist ein neues Kind geboren, die Tochter Tiiu Piibe ist schon neuntes Kind in der Familie. Tiit hat die Gemeinden Puhja und Rannu zu dienen, ausserdem das Gefängnis in Tartu. Die grossartig renovierte Kirche in Puhja haben viele Eschweger dieses Jahr erlebt.

Rõngu hat seit Dezember den neuen Pfarrer, Andres Aaste. Er stammt aus Pilistvere, ganz in der Mitte Estlands.

In estnischer Kirche ist zu unserer Zeit eine schwere Lage wegen neues Kirchengesetz. Da wird zB statt "Gottesdienst” über die "Messe”, statt "Pfarrer” über die "Priestern” gesprochen. Um diese Entwicklung Schranken zu setzen, haben wir mit 25 Gleichgesinnten das Martin-Luther-Verein gegründet. Zu unserer Zufredenheit gehören vielen geachteten Theologen zu dieses Verein.

Die Linien des Verein sind vielleicht schon ziemlich klar. Wir wollen die Besonderheiten des lutherischen Bekenntnisses als positive Züge unseres Glaubens sehen, nicht aber als eine Katholizismus in unvollständuiger Form. ZB dass wir das Fehlen der Transsubstanziationslehre im Luthertum nicht als Fehler bisheriger Praxis der EELK, die gemäss der Mutterkirche wiedergefunden werden muss, sondern diese Besonderheit als postitve lutherische Lehre sehen.

Es ist gespannt zu sehen, wie es weitergeht. Zunächst hat das Verein uns auf der Landessynode schon als Zusammenarbeitsorgan geholfen. Man merkt auch andererseits, dass die Lutheraner "zu viel geworden sind”. Wir müssen eine Spaltung vermeiden, zugleich aber den Pfarrer und Gemeinden in deren Nöte beiseite stehen.

Wie geht es mir persönlich? Wie fast jedes Jahr, habe ich auch dieses Jahr eine Urlaub gehabt. Wir haben drei Wochen in Finnland, bei den Eltern von Mirja verbracht. Die glückliche Tage, da wir viel Leute zum Kinderbetreuen haben, die Eltern sowie die Geschwister von Mirja. Unsere Urlaub hatte zwei Schwerpunkte.

Erstens haben wir einen alten Traum von Mirja verwirklicht, und eine Wanderung von 55 Km in Oulankaschlucht durchgemacht. Die Strecke ist mehr bekannt als Karhunkierros, "Bärenrunde”. Die wunderschöne Landschaften, hohen steilen Granitufern, Fluss zwischen die Felsen. Und das alles den Touristen mit ihrem Geländewagen schön unzugänglich gemacht, weil es da nur schmale Pfade gibt.

Der Staat kümmert sich dessen, im Wald sind Hütten mit Brennholz, Schilder, aber die Leute werden dazu nicht gelockt, eher gewarnt. Und nicht nur in den Broschüren, da gibt es auch lebendige Warnzeichen. Nämlich, gleich am Anfang haben wir junge Leute gesehen, die die Wanderung schon hinter sich hatten - erschöpft, unglücklich wegen den Wasserblasen an die Füsse.

Zuerst habe ich gedacht, 55 Km ist nicht lang. Aber unter der Wanderung sah ich, wir mussten doch zweimal übernachten, die Kilometer waren unglaubhaft ausgedehnt. Aber wir hatten ja Zeit. Mirja und ich, wir waren sehr zufrieden, das alles gesehen und erlebt zu haben. Mirja hatte auch Wasserblasen an die Füsse, aber sie hat Lust für Wanderung.

Im Wald haben wir auch Deutschen gesehen, dieses Mal aber keine Eschweger. Vielleicht nächstes Mal.

Zweitens habe ich bei meinen Schwiegereltern wieder meine liegengebliebene Doktorarbeit weitergeschrieben. Ich habe es genossen, vom Buch zu lesen, das Gefühl zu haben, ich weiss wieder etwas mehr. Beim Abschied sagte ich an die Schwiegereltern, fünfmal eine solche Urlaub in Oulu, und die Doktorarbeit ist fertig.

Auf dem Autobahn nahe Helsinki haben wir eine Werkehrstau erlebt. Diese, in Estland und Finnland seltene Erscheinung hat einen tiefen Eindruck in Villem, unseren ältesten Sohn, hinterlassen. Zu Hause hat er es mit Spielautos gespielt und die kleineren Brüdern unterrichtet: "Alle Autos müssen l a n g s a m fahren!”

Beim Rückkehr aus Finnland hatte meine Frau Mirja ein Kummer. In Elva sind wir Mieter in einem Haus. Die Hausbesitzerin sagte, Vallo ist ja ein Pfarrer. Er ist kein professioneller Bauarbeiter. Jeder Schuster soll bei seinen Leisten bleiben, also steht fest, jemand anderer kann die Wohnung besser renovieren als Vallo. Das aber wäre für Mirja und uns schade, weil wir haben versprochen, wir renovieren die Wohnung, das sei wie ein Teil der Miete. (Es geht vor allem um halbfertigen Duschezimmer.) Mirja dachte bei der Rückkehr von Urlaub, was dann, wenn die Hausbesitzerin wirklich einen tüchtigeren Mann als Vallo gefunden hat und zeigen kann, dass die Vermieterin die Mieter bei der Arbeiten überholt hat.

Wir erreichten Elva, und haben die Wohnung so vorgefunden, wie ich auch geglaubt hatte. Der tüchtigere Mann ist nicht aufgetaucht. Keine Bekanntschaften, sogar die gelbe Blätter im Telefonbuch haben ihn ausfindig gemacht. Inzwischen sind die Arbeiten bei uns in der Wohnung weitergegangen. Aber sie dürfen meine Arbeit beim Gemeindehaus von Elva nicht stören. Mieterstand ist heutiger Tag, Gemeinde und alles, was es da gibt, die Zukunft.

Dieses Jahr habe ich auch einen Kommilitonen aus Tübingen, aus Albrecht-Bengel-Haus, mit seiner Frau getroffen. Jetzt arbeitet er in der Deutschen Welle und im Evangeliumsrundfunk. Sie waren in Helsinki und Tallinn. Ich habe denen Tallinn gezeigt. "Hier wird so viel gebaut, wenn man einige Monate weg ist, kann man sich schon verlaufen,” habe ich Tallinn gerühmt. Dann dachte ich, ich will den Gästen einen Blick auf Tallinn über Tallinner Meerbusen, vom Viimsihalbinsel aus, zeigen. Ich bin dann so über ein Paar neu gebaute Kreuzungen gefahren und plötzlich wusste ich nicht mehr, wo der Meer ist. In Viimsi war ich nämlich letztes Mal vor mehrere Jahre. Einen schönen Blick konnten wir jedoch haben, von Pirita.

Ich wünsche Euch allen ein gesegnetes neues Jahr!

Euer Vallo Ehasalu
Propst Vallo Ehasalu

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