Aktuelles Gesamtübersicht

Dokumentarfilm über Projekt in Bellary - Bericht über Stipendiaten der Ausbildungshilfe

So 01.05.2005
Beinahe ein Protokoll des Treffens der 4 Indienpartnerschaftskreise in Grifte am 30. 4. 2005 ist die Predigt zum Partnerschaftssonntag am Sonntag Rogate, die Sie hier lesen können:

Inschallah! So manches Mal, wenn ich in Waldkappel an der Ecke Wehrgasse/Leipzigerstraße vorbeikomme, muss ich bei dem traurigen Anblick des völlig heruntergekommenen, verwahrlosten und verdreckten ehemaligen Asylbewerberheims an ungezählte Gespräche und Begegnungen denken, die ich in diesem Haus gehabt habe - mit Menschen aus aller Herren Länder. Unterhielt ich mich dort mit Menschen aus dem Arabischen Kulturkreis - Yemeniten, Saudis, Jordaniern, Irakern, fiel in jedem unserer Unterhaltungen in meist sehr gebrochenem Deutsch immer wieder das Wort "Inschallah!" "So Gott will!" Das macht auf Nichtaraber zunächst einen recht frommen Eindruck. Aber ist das so fromm gemeint, wie es klingt? Oder wäre das auch Ausdruck meiner Frömmigkeit, wenn es nicht als gedankenlose Redewendung gebraucht wird, wie etwa das traditionelle bayrische und schwäbísche "Grüß Gott", sondern ernst gemeint, todernst gemeint wäre? Ausdruck einer Lebenseinstellung wäre, die alles, aber auch alles dem Willen Gottes überlässt? Ist eben so. Kann man nichts ändern. Inschallah!

Partnerschaftssonntag ist heute - und erster Mai! "Ora et labora", die Devise des Heiligen Benedikt, des Reformators und Gründervaters des abendländischen Mönchtums bringt gewissermaßen Feuer und Wasser unter einem Motto zusammen: Das Beten und das Arbeiten. Beten, und alles, aber auch wirklich alles von Gott erwarten, - und auf der anderen Seite arbeiten, sich engagieren, sich ins Zeug legen, als ob es Gott nicht gäbe. Oder, in den Festtagen ausgedrückt, die hinter uns liegen: Das Gespräch mit dem Auferstandenen keinen Tag abreißen las-sen, aber dennoch arbeiten, als ob Gott für alle Ewigkeit an Karfreitag gestorben wäre.

Dass der Partnerschaftssonntag in diesem Jahr auf den 1. Mai fällt, weist auf einen Aspekt unserer Kirchenkreispartnerschaft mit Bellary in Indien, der in den vergangenen 22 Jahren immer wieder wichtig war: Das Eintreten für elementarste Menschenrechte. Vor 100 Jahren kämpften die Gewerkschaften hierzulande für die Verringerung der täglichen Arbeitszeit von zunächst 14 auf 12, dann auf 10 und schließlich 8 Stunden. Männer und Frauen gingen damals auf die Straßen, obwohl sie dabei immer in der Gefahr standen, von der Polizei zusammengeschlagen, niedergeritten, zusammengeschossen zu werden. Man darf sich doch nicht alles gefallen lassen. Wird schon irgendwie gut gehen. Inschallah?
Wie sehr bis heute Menschenrechte in Indien mit Füßen getreten werden, obwohl dieses Land mit weit mehr als 1 Milliarde Menschen zahlenmäßig die größte Demokratie dieser Erde ist, hat uns immer wieder aufgestört. Denken wir nur an die Kinderarbeit in der Teppichindustrie, in der Produktion von Fußbällen für unsere Sportvereine oder im Brechen des Granits für die Grabsteine auf unsren Friedhöfen. Vielerorts herrschen Zustände in diesem widersprüchlichen Land, als ob es Gott so wenig wie Recht und Gesetz dort gäbe. Das kann doch so nicht wahr sein! Da muss man doch was machen: Ora et labora!

Weil wir etwas machen wollten, haben wir vom Kirchenkreis Eschwege jahrelang die Motorradlehrwerkstatt in Bellary unterstützt, und gerade gestern erfuhr ich von Neville Williamsson, der die Konfirmationskollekte für die Ausbildungshilfe für junge Christen in Asien und Afrika an die Stipendiaten weiterleitet, was da mit unserem Geld unter anderem an Gutem bewirkt wird: Die Gesetze des Weltmarkts haben ungefähr in den letzten 5 Jahren dazu geführt, dass die Löhne der Arbeiter in den Teeplantagen Südindiens sich für die großen Teekonzerne nicht mehr rechnen. Tee aus Vietnam ist viel billiger. Außerdem hat es in weiten Teilen des Landes seit 7 Jahren nicht mehr geregnet. Weite Landstriche veröden. Entsprechend steigt die Arbeitslosigkeit mit dem ganzen Rattenschwanz sozialer Probleme und gesellschaftlicher Verwerfungen. Darum hat die Ausbildungshilfe seit einiger Zeit Umschulungskurse für arbeitslose Teeplantagenarbeiter in ihrem Programm. Als für die Wiederaufbauarbeiten nach der Tsunamikatastrophe dringend Leute gesucht wurden, die Schweißen konnten, fuhren frisch ausgebildeter Schweißer aus den Programmen der Ausbildungshilfe an die Küste und hatten einerseits Arbeit und konnten ihrerseits helfen. Gott sei Dank.

Partnerschaft zwischen Christen hier und Christen dort ist aber nicht bloß projektbezogene Entwicklungshilfe. "Ora et labora", heißt ja gerade nicht "arbeiten, arbeiten und nochmals arbeiten", sondern eben auch beten, vor Gott füreinander eintreten, ganz gezielt füreinander bitten. Jesus lehrte seine Freunde, den Vater im Himmel darum zu bitten, dass sein Reich doch bald kommen und sein Wille endlich geschehen möge, und nicht bloß im Himmel, sondern hier unten bei uns auf der Erde eben auch. Also nicht bloß "Inschallah!" im Sinne von "…kann man ja doch nichts machen", sondern "Rogate!" - "Betet!". Wer jemals die Möglichkeit gehabt hat, indische Christen in ihren Gottesdiensten zu erleben, war stets beeindruckt von der Selbstverständlichkeit und Intensität, mit der dort gebetet wird. Wenn wir uns doch nur auch trauen würden, so zu beten. Aber darf man das eigentlich, Gott so "belästigen"?

Der Predigttext für den heutigen Sonntag hat anscheinend genau das zum Thema: Wie weit darf ich gehen, wenn ich zu Gott bete?

Lukas / Kapitel 11,5-13 (Übersetzung "Hoffnung für alle")
Einmal sagte Jesus zu den Jüngern: "Stellt euch vor, einer von euch hat einen Freund. Mitten in der Nacht geht er zu ihm, klopft an die Tür und bittet ihn: 'Leihe mir doch bitte drei Brote.
06 Ich habe unerwartet Besuch bekommen und nichts im Haus, was ich ihm anbieten könnte.'
07 Vielleicht würde der Freund dann antworten: 'Stör mich nicht! Ich habe die Tür schon abgeschlossen und liege im Bett. Außerdem könnten die Kinder von dem Lärm wach werden. Ich kann jetzt nicht aufstehen und dir etwas geben.'
08 Das sage ich euch: Wenn er schon nicht aufstehen und dem Mann etwas geben will, weil er sein Freund ist, so wird er schließlich doch aus seinem Bett steigen und ihm alles Nötige geben, weil der andere ihm einfach keine Ruhe lässt.
09 Darum sage ich euch: Bittet Gott, und er wird euch geben. Sucht, und ihr werdet finden. Klopft an, dann wird euch die Tür geöffnet.
10 Denn wer bittet, der wird bekommen. Wer sucht, der findet. Und wer anklopft, dem wird geöffnet.
11 Welcher Vater würde seinem Sohn denn eine Schlange geben, wenn der ihn um einen Fisch bittet,
12 oder einen Skorpion, wenn er ein Ei haben möchte?
13 Wenn schon ihr hartherzigen, sündigen Menschen euren Kindern Gutes gebt, dann wird doch der Vater im Himmel erst recht denen seinen Heiligen Geist geben, die ihn darum bitten."

Worum geht es in dem Beispiel? Geht es da wirk-lich um die Hartnäckigkeit beim Beten? Jesus erzählt ja schon ein seltsames Beispiel: Ein wirklicher Freund würde sich doch nicht so lange bitten lassen wie der Mann in unserem Beispiel! Und wenn wir in diesem seltsamen Nachbarn Gott sehen wollen, was ja nahe liegt, was kriegen wir dann von ihm, dieser Geschichte zufolge?

Jesus erzählt ja nicht: Da stand der Mann auf und gab seinem Freund, sondern er fängt an zu predigen, indem er vergleicht und selber darauf hinweist, wie schräg sein eigenes Beispiel ist. Wenn schon menschliche Väter zu ihren Kindern, dann - ja was gibt der himmlische Vater, wenn wir ihn bitten? Die Erfüllung aller unserer materiellen Wünsche? Dann hätte das intensive Beten der vielen bettelarmen indischen Christen ihnen nicht viel gebracht. Manche antworten auf die Frage, welchen Sinn es macht, zu beten, mit dem Gleichnis von dem verstaubten Weidenkorb, mit dem jemand versucht, Wasser aus einem Brunnen zu schöpfen. So viel Wasser schafft er nicht damit nach oben, aber der Korb wird sauber dadurch. Das heißt aber dann, dass sich an dem, was sich ändern muss in unserer Welt, durch unser Beten allein nicht viel ändert. Oder sollte es doch etwas ausmachen, ob der Korb staubig oder frisch gewaschen ist? Am Ende unseres Gleichnisses kommt Jesus auf den springenden Punkt der ganzen Geschichte: Seinen Heiligen Geist will Gott uns schenken. Das ist in der Tat wie eine Wäsche durch und durch. Wenn ich mich tatsächlich darauf einstimmen lasse, nach Gottes Willen zu fragen, dann muss ich nicht immer nur meinen Kopf durchsetzen. Dann werde ich womöglich sogar empfänglich für das, was anderen Menschen das Leben schwer macht.

Gestern habe ich einen Film gesehen. In Grifte war ein Treffen der 4 Partnerschaftskreise unserer Landeskirche, die eine Indienpartnerschaft haben. Rita Dhawle, die uns vor 14 Tagen im Gottesdienst in Friemen, Waldkappel und Rechtebach besucht hat, hat mit einigen Frauen gemeinsam indisch gekocht, einen Vortrag zur Situation von Frauen in Indien gehalten, und dann kam der Dokumentarfilm über eine Devadasi. Tempelprostituierte heißt das auf Deutsch, ein ganz düsteres Kapitel im real existierenden Hinduismus. Man weiß, dass es das gibt, aber hier erzählt eine junge Frau vor laufender Kamera, wie sie geworden ist, was sie ist: Mit einem großen Fest fing alles an: "Du bist was ganz Besonderes!", hatte die Mutter immer wieder mit leuchtenden Augen zu ihr gesagt, ihr einen wunderschönen neuen Sari angezogen, sie über und über mit Blumengirlanden behängt und zum Yellamma-Tempel gebracht, wo ein Priester sie in einer feierlichen Zeremonie zu einer Devadasi, zu einer Dienerin der Gottheit geweiht hat. Sie war damals 10. Es hatte ihr gefallen, und danach ging sie mit ihrer Mutter nach Hause, und es passierte weiter nichts. Aber unmittelbar nach ihrer ersten Regelblutung stand da plötzlich der erste Freier vor der Hütte und bezahlte anschließend mit einem Sack Reis. Schlagartig wurde dem Mädchen klar, wovon ihre allein erziehende Mutter sie und ihre Geschwister all die Jahre ernährt hatte und was ihr künftiges Schicksal sein würde. Ihre Klassenkameradinnen heirateten, hatten Kinder, Familie. Kinder bekam sie auch, aber eine Devadasi darf keine Familie haben, und dann ist da die Seuche AIDS, die kaum eine Devadasi verschont. - Ein Film, der unter die Haut geht. Gerade weil diese junge Frau so schonungslos offen ihr Leben erzählt, den Zuschauer aber immer wieder mit seiner Zuschauerrolle konfrontiert: Du hörst und siehst dir das nur an, aber das ist mein Leben!

Neville Williamson sagte, während der Nachspann abrollte, die Ausbildungshilfe sei dabei, eine deutsche Synchronspur auf eine Kopie dieses Films zu brennen. Der Film hätte wirklich Chancen, bei einem Dokumentarfilmwettbewerb mitzumachen, finde ich. Wenn der deutsche Ton fertig ist, werde ich ihn mal zeigen.

Ich lese, während Neville Williamson spricht, die Namen der Produzenten, da muss ich zweimal hinschauen: In Zusammenarbeit mit dem Diakonischen Werk der Südindischen Kirche wird da Harriet Kundargi aus Siruguppa im Kreis Bellary genannt. Gerade vorgestern haben wir noch E-Mails ausgetauscht im Vorfeld des heutigen Partnerschaftssonntags. Anfangs des Jahres habe ich im Auftrag des Kirchenkreises 200,- € an ihr Hosabalu-Aids-Aufklärungsprojekt überwiesen, und hier zeichnet sie verantwortlich für einen professionell gemachten und zugleich anrührenden Dokumentarfilm. Mir blieb die Spucke weg: Mehrfach habe ich mit Delegationen aus dem Kreis Eschwege nun schon bei ihr zu Hause Station gemacht. Wir haben es uns bei ihr schmecken lassen. Wir haben Gottesdienst miteinander gefeiert, miteinander gesungen. Sie selbst war schon zweimal im Kirchenkreis Eschwege, vor 15 Jahren zum ersten Mal als ganz junge, zierliche Tänzerin der ersten Tanzgruppe 1990. Ich hatte ihre Kinder auf dem Arm, die heute schon groß sind - und da steckt noch so viel mehr in dieser gerade mal 1,60 m großen Frau mit den lebhaften Augen und der rauchigen Stimme, was ich nicht für möglich gehalten hätte

Wovon spricht Jesus im letzten Satz seiner eigenen Auslegung des Beispiels vom bittenden Freund? Nicht von "Inschallah" im Sinne von "Da kann ich dir auch nicht helfen. Damit musst du ganz allein fertig werden, du bedauernswertes armes Devadasi-Mädchen!", sondern von Gottes Heiligem Geist. Es kommt auf unsere innere Einstellung an, ob die Welt so bleibt, wie sie ist, oder ob sich nicht doch was ändern lässt. Wie sagt Jesus bei Matthäus: Was Ihr einem von meinen geringsten Brüdern und Schwestern getan habt …
Schon seltsam, wie Beten und Handeln, Ora et Labora miteinander verzahnt sind - und wir dürfen Rädchen sein in diesem faszinierenden Ineinander und Miteinander!

Bittet, so wird euch gegeben.
Suchet, so werdet ihr finden.
Klopft an, so wird euch aufgetan.

Rolf Hocke, Waldkappel
Pfarrerin Doris Krause aus Grifte präsentiert Hanna Niranjans Bild zum TsunamiNeville Williamson berichtet über Projekte der Ausbildungshilfe unter den Tsunamiopfern an Indiens Ostküste

» zurück