Aktuelles aus der Frauenarbeit

Landesfrauenkonferenz: Bestürzung über die Streichungen im sozialen Bereich

Mi 12.11.2003
Ihrer Bestürzung über die Streichungen im sozialen Bereich haben jetzt die Mitglieder der Landesfrauenkonferenz bei ihrer letzten Zusammenkunft am 4. 11.2003 in Kassel zum Ausdruck gebracht. Als Delegierte aus dem Kirchenkreis Eschwege nahmen Annemarie Mihr und ihre Stellvertreterin Christa Schneider an der Tagung teil. Die Landesfrauenkonferenz ist ein Beirat der landeskirchlichen Frauenarbeit.
Themen der letzten Tagung der Landesfrauenkonferenz waren u.a. die Frage der verlängerten Ladenöffnungszeiten und die damit verbundenen Probleme auf dem Hintergrund des christlichen Sonntags. Einen breiten Raum nahm die Diskussion über die Sparbeschlüsse der Landesregierung im sozialen Bereich ein. Es wurde einstimmig ein offener Brief an Staatsministerin Lautenschläger und Ministerpräsident Koch verabschiedet. Er wird hier im Wortlaut wiedergegeben:

"Sehr geehrte Frau Staatsministerin Lautenschläger,
sehr geehrter Herr Ministerpräsident Koch,

große Bestürzung haben die Streichungen der Fördermittel im sozialen Bereich bei den Delegierten und ihren Stellvertreterinnen der Landesfrauenkonferenz, dem Beiratsgremium der Frauenarbeit der evangelischen Kirche von Kurhessen Waldeck, ausgelöst.
Zwar sehen alle die Notwendigkeit ein, in Zeiten leerer Kassen zu prüfen, wo Mittel gekürzt werden können. Aber die von Ihnen, einer christlichen Partei, jetzt eingebrachten Vorschläge halten die Delegierten und ihre Stellvertreterinnen für unausgewogen, unsozial und unchristlich.
Betroffen sind die Schwächsten und Ärmsten der Gesellschaft und im doppelten Sinn überproportional Frauen: zum einen nehmen viele Frauen die Beratung wahr und tragen diese in die Familien; zum anderen sind es überwiegend Frauen, die in den Beratungsstellen arbeiten.
Für die einen bedeuteten die Streichungen der Fördermittel das berufliche Aus, für viele andere, dass ihre Zukunftsperspektiven zerschlagen werden. Mit den Frauen sind oft genug Kinder und Jugendliche betroffen, denen damit Chancen für eine positive Entwicklung genommen werden. So sind z. B. Kinder, die Gewalt in der Familie erleben, traumatisiert und brauchen professionelle Hilfe und Betreuung.
Diese wird in Zukunft nicht mehr gegeben sein. Neben der menschlichen Tragödie, die Gewalt in der Familie bedeutet, wird ein mit diesen Erfahrungen allein gelassenes Kind in der Regel große Anpassungsschwierigkeiten in der Gesellschaft haben und mit hoher Wahrscheinlichkeit selbst zum Gewalttäter werden.
Auch an diesem Beispiel zeigt sich, dass die Kürzungen der Fördermittel, seitens der Regierung, von bestürzender finanzieller Unvernunft sind. Die Folgekosten werden alle bisherigen Aufwendungen zur Hilfe bei weitem überschreiten und nicht mehr aufzufangen sein.

Diese Politik, zumal einer christlichen Partei, kündigt das gesellschaftliche Prinzip der Solidargemeinschaft in einem Maße auf, das wir als Christinnen nicht mittragen können. Die Kürzungen haben den Charakter sozialen Sprengstoffes.

Die Delegierten und ihre Stellvertreterinnen der Landesfrauenkonferenz verlangen die Rücknahme der Streichungsliste. Sie fordern vom Land, gerade wegen der schwierigen Lage, den Eintritt in Verhandlungen mit allen Trägern der sozialen Arbeit.
Die Landesfrauenkonferenz kann dabei nur solche Ergebnisse als sinnvoll und hilfreich ansehen,
- die das soziale Beratungsnetz im Land Hessen nicht zerreißen,
- die den an der sozialen Arbeit beteiligten Kreisen, Städten und
Wohlfahrtsverbänden keine kürzungsbedingten und überbordenden Folgekosten
auflasten
- und die anstelle von Ausgrenzung die Integration der betroffenen Menschen
sichern.

Sehr geehrte Frau Ministerin, sehr geehrter Herr Ministerpräsident, wir fordern Sie daher auf, im Interesse der Menschen, die von den Sparmaßnahmen Ihrer Regierung betroffen sein werden, Ihre politische Entscheidung noch einmal zu revidieren und unter dem Gesichtspunkt der Zukunftssicherung andere Prioritäten zu setzen.

Mit freundlichen Grüßen

Inge Rühl Martina S. Gnadt
Vorsitzende der Landesfrauenkonferenz Leiterin der Frauenarbeit

» zurück