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Predigt zum 2. Weihnachtsfeiertag, 26. Dezember 2020, Pfarrer Gernot Hübner, Niederdünzebach

Sa 26.12.2020 10:00
Niederdünzebach, am 2. Weihnachtsfeiertag, 26.12.2020

"Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. … In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat's nicht ergriffen. … Das war das wahre Licht, das alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen. Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn gemacht; aber die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf. Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden, denen, die an seinen Namen glauben..."
Johannes 1, 1+4-5+9-12

Liebe Gemeinde!

Das Johannesevangelium beginnt ohne Geburtsgeschichte. Die neutestamentliche Wissenschaft hat herausgearbeitet, dass der Verfasser des Johannesevangeliums das Lukasevangelium sehr wohl gekannt hat. Aber Johannes verzichtet auf eine Geburtserzählung. Er beginnt dagegen sein Evangelium mit relativ abstrakt klingenden Worten. "Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott."

"Im Anfang", schreibt Johannes und meint den Anbeginn der Welt. Das, was später kommt, die Geschichte Jesu, hat also etwas mit dem Anbeginn der Welt zu tun. Das ist Johannes wichtig. Aller Anfang aber liegt bei Gott. Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Gott und das Wort werden in eins gesetzt: Gott war "das Wort". Das "Wort" aber ist ja nichts anderes als Träger von Information. Ein Wort beinhaltet etwas und ein Wort bleibt nicht bei sich, sondern wird gesprochen. D.h., die Information teilt sich mit. Ein Wort, das gesprochen wird, teilt seinen Inhalt mit. Nehmen wir z.B. die Worte: "Fürchte dich nicht!" oder "Ich liebe dich!". Diese Worte haben einen bestimmten Inhalt, eine bestimmte Information und die wird mitgeteilt. Und das schöne ist: Diese Worte haben nicht nur einen Inhalt, sondern eine Wirkung. "Fürchte dich nicht!" oder "Ich liebe dich!" - wer solches hört, mit dem geschieht etwas. Im Sprechenden und im Hörenden geschieht etwas: Worte haben eine Wirkung.

"Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort." Das Johannesevangelium sagt uns: Gott bleibt nicht bei sich, sondern teilt sich mit. In seinem Wort, durch sein Wort. Und dieses Wort hat Wirkung! Das Wort Gottes setzt eine Wirklichkeit in Gang: im Anbeginn, im Anfang und seither. Was aber bewirkt sein Wort? Es heißt: "In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen." Also: Gottes Wort wirkt das Leben und erleuchtet menschliches Leben. Dieses Leben aber, das macht die Bibel von Anbeginn immer wieder deutlich, entspringt der Liebe Gottes zu seiner Schöpfung. Leben kommt aus der Liebe. Johannes verknüpft die Liebe Gottes mit dem Begriff des Lichtes. Wir wissen ja: Ohne Licht kein Leben. Der Gegenbegriff zum Licht ist: die Finsternis. Wo Licht ist, ist Leben; wo Finsternis ist, ist der Tod. Wo Licht ist, ist Wärme; wo Finsternis ist, ist es kalt. Und jetzt hören wir: "In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat's nicht ergriffen. Also: Gott wirkt Leben inmitten der Finsternis. Gottes Wort ist das Licht für die Menschen. Es schenkt Leben, es schenkt Liebe, es schenkt Wärme inmitten der Finsternis. Es (er-)leuchtet Menschen von außen und von innen. "Und die Finsternis hat`s nicht ergriffen." Welch ein Trost: Die Wirklichkeit des Lebens, des Lichtes, ist stärker und größer als die Macht der Finsternis und des Todes! Das behauptet Johannes: "Die Finsternis hat’s nicht ergriffen", die Finsternis kann sich des Lichtes letztlich nicht bemächtigen. Daraus folgt: Jedes noch so kleine Licht durchbricht jede große und tiefe Finsternis - und leuchtet. Jedes noch so kleine
Licht bricht die Macht der Finsternis. Ahnen wir, was hier über unsere Gabe, zu lieben, gesagt wird? Letztlich für jedes Menschenleben und sei es noch so unscheinbar?

Für Menschen, die das hören und die in politischer und sozialer Finsternis und Kälte leben, sind das Trostworte. Die Menschen zur Zeit Jesu lebten ja so: Das Land Israel wurde immer wieder von Kriegen überzogen. Es gab Seuchen und Naturkatastrophen, wie etwa Dürre und Hungersnöte. Und es gab himmelschreiendes Unrecht durch die Mächtigen.

Wenn nun in solchen Finsternissen und gegen alle erfahrenen Unbarmherzigkeiten
das Wort Gottes und sein Licht der Liebe als Wirklichkeit verkündet wird und wenn Menschen begreifen, dass jedes noch so unscheinbare Licht der Liebe die scheinbar totale Macht der Finsternis durchbricht, dann steckt darin eine ganz große Ermutigung und Ermächtigung: Jeder und jedem ist die Macht der Liebe, des Lichtes gegeben. Jeder und jede, die das hören, dürfen sich als Macht gegen die Finsternis verstehen. Jede und jeder von uns kann, berührt vom Wort Gottes, zum Licht entzündet werden, das Finsternis durchbricht. Jeder und jede von uns wird ermächtigt zum Licht sein, zur Liebe, zur Wärme inmitten dunkler Zeit. Hören wir das - heute und hier?!! Wir können da sein, einander zum Trost und zur Hoffnung. Gott bleibt nicht fern, sondern Gott teilt sich mit. Gott ist uns nahe, indem er uns zur Liebe ermächtigt.

Nun formuliert Johannes aber auch eine Tragik: Das war das wahre Licht, das alle
Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen. Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn gemacht; aber die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf.

Es ist tragisch: Da kommt Gott in Jesus, dem Christus, zur Welt und zeigt seine
Gegenwart im Leben ganz anschaulich und begreifbar - aber die Menschen nehmen das nicht an. Da kommt Gott mit Trost und Hoffnung, mit der Kraft der Liebe und zur Versöhnung in diese Welt, aber die Menschen erkennen das nicht, sie nehmen ihn nicht an. Johannes hat das Kreuz Jesu im Blick! Wir erleben es selbst, wenn Liebe, wenn Liebestaten nicht angenommen werden. Wenn sie ausgeschlagen, verachtet, klein geredet, lächerlich gemacht werden. Tragisch.

Was können wir tun, wenn der Frieden Gottes in Jesus Christus, nicht angenommen
wird? Wir können immer wieder und unermüdlich von Jesus Christus erzählen und dem Frieden, den er brachte und gelebt hat. Jahr für Jahr, Woche für Woche, Tag für Tag. Wir können versuchen, überzeugend zu leben, was wir in Jesus Christus erfahren. Tag für Tag, Woche für Woche, Jahr für Jahr. Wenn wir von einem Geist beseelt sind, der den weihnachtlichen Frieden Gottes bezeugt, wenn wir mit Güte und Nächstenliebe den Mitmenschen gegenübertreten, wenn wir für Versöhnung und Verstehen unter den Menschen eintreten. Wir wollen immer wieder neu das Wort weitersagen und im Leben halten: Das Wort vom Frieden, den das Kind bringt. Für die Armen, "die Hirten" dieser Welt zur Ermächtigung in der Liebe - und für die Reichen, die Mächtigen dieser Welt, dass sie werden, wie die Weisen, die sich auf den Weg machen, einen König zu suchen und ein armes Kind finden, vor dem sie sich beugen und dem sie symbolisch ihren Reichtum übergeben.

Wir sind, liebe Gemeinde, in aller Finsternis, zur Liebe ermächtigt, trotz aller
Ablehnung, trotz aller Kreuze dieser Welt. Wir können die Finsternis, die uns die Corona-Pandemie bringt, brechen mit jedem noch so kleinen Licht unserer ganz alltäglichen Liebe.
Ich glaube, dass darin wirklich Trost und Kraft liegen, für uns alle, in dieser schweren Zeit.
Ich glaube an Gott, in Jesus Christus durch die Kraft des Heiligen Geistes. Ich glaube gegen alle Furcht und Gleichgültigkeit und Resignation. Ich glaube an das Wort Gottes, an das Licht in der Finsternis. Davon und dafür lebe ich.
Amen.

Bleiben Sie behütet,
Ihr Pfarrer Gernot Hübner

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