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Predigt zum Sonntag "1. Advent", 29. November 2020, Pfarrer Gernot Hübner, Niederdünzebach

So 29.11.2020 12:00
Niederdünzebach, am 1. Advent 2020, 29.11.2020

"Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin.
Denn ich will die Wagen wegtun aus Ephraim und die Rosse aus Jerusalem, und der Kriegsbogen soll zerbrochen werden. Denn er wird Frieden gebieten den Völkern, und seine Herrschaft wird sein von einem Meer bis zum andern und vom Strom bis an die Enden der Erde."
Sacharja 9, 9+10

Liebe Gemeinde!

Der "Messias" ist der gottgesandte Friedenskönig. Er bringt den Frieden Gottes zu den Menschen. Der "Messias" ist eine Erlösergestalt. Er ist der "Gesalbte" Gottes, d.h. er trägt die Königswürde. Im Griechischen bzw. Lateinischen heißt der Gesalbte "Christus". Das kleine Volk Israel war immer umgeben von Großmächten. Eigentlich hatten die Menschen in diesem Landstrich zwischen östlichem Mittelmeer und der Jordanebene nie eine große Chance in Frieden zu leben. Immer wieder wurden sie von den umliegenden Großmächten überrannt. Ägypter, Babylonier, Perser, Römer - die Großmächte wechselten, aber waren immer stärker als die kleinen Stammesbünde Israels. Ein Leben in Frieden? Die ackerbauende, viehzüchtende, fischende Bevölkerung in Israel musste in ihrer Geschichte immer wieder Eroberung und Unterdrückung erleiden, Vertreibung und Ausbeutung. Die Könige, die die Menschen erlebten, waren oft machtbesessene, rücksichtslose Herrscher, gleichgültig gegenüber dem Schicksal der Menschen, wenig auf den Schutz ihrer Untertanen aus, und sie ließen sich als Götter oder Göttersöhne verehren.

Die Gestalt des Messias ist der Gegenentwurf zu den Königen, wie sie die Völker oft erfahren haben. In dieser Gestalt treten auch Kritik und Protest zutage, gegen die Machthaber in ihrer Machtbesessenheit und ihrer Gleichgültigkeit gegenüber der Bevölkerung. Dieser König, der Messias Gottes, er kommt nicht mit Prunk und Protz und unter Zuschaustellung seines Reichtums. Er kommt nicht waffenstarrend und mit angsteinflößendem Gefolge. Er kommt nicht "hoch zu Ross", nicht "hochtrabend" und "hochmütig". Der Messias kommt auf einem Esel geritten. "Sanftmütigkeit ist sein Gefährt" hätten wir eben gesungen. Das ist ein König für die Menschen, für das Volk. Er hat einen Auftrag: "Der Kriegsbogen soll zerbrochen werden." Und er hat eine Vollmacht: "Er wird Frieden gebieten den Völkern". Als ein - von Gott! - Gesandter hat er keine eigene Macht, sondern handelt in Vollmacht. Vollmacht ist geliehene Macht. Eine Vollmacht ist ihrem Geber Verantwortung und Rechenschaft schuldig. Der Messias ist beauftragt: von Gott. Der Messias ist ein dienender König. Er dient Gott und dem Volk zum Frieden. Damit ist kein Platz für Selbstherrlichkeit, Machtgehabe und Streben nach Reichtum auf Kosten des Volkes.

"Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel".

Die Messiaserwartung Israels war so auch immer auch eine kritische Vergleichsvorlage für das Volk und die amtierenden Könige. Sie bot eine Orientierung für alle. Eine Orientierung auf Gerechtigkeit und Frieden hin.

In Israel war diese Sehnsucht nach Gerechtigkeit und Frieden groß: nach einem König, unter dem man in Frieden leben konnte. Aber was heißt denn "in Frieden leben" konkret? Die wenigsten Menschen waren reich. Für sie ging es um
das schlichte Überleben. Was braucht man dazu? Ich denke: sicher Wohnen, Sicher
Schlafen, sicher für das tägliche Brot arbeiten können - das waren elementaren
Bedürfnisse der Menschen. "denn nur dort, wo es Frieden gibt, können Zärtlichkeit und Vertrauen gedeihn" sang einst Hannes Wader in einem bekannten Friedenslied.
Es geht nicht um großen Wohlstand und Reichtum. Es geht um elementare
Voraussetzungen zum Frieden. Sicher wohnen, sicher schlafen, sicher für das
tägliche Brot arbeiten, unter diesen Voraussetzungen können Menschen lieben und
Familien gründen. Ist es nicht so bis heute? Der Dichter Reiner Kunze benennt in
seinem Gedicht "Fast ein Gebet" die elementaren Lebensnotwendigkeiten:

Wir haben ein Dach
und Brot im Fach
und Wasser im Haus,
da hält man's aus.

Und wir haben es warm
Und haben ein Bett.
O Gott, dass doch jeder
Das alles hätt'!

Zum Frieden braucht man nicht viel. Eigentlich. Der Messias kommt auf einem Esel
geritten. Er ist arm, aber ein Gerechter und ein Helfer. Viele Menschen gegenwärtig haben Angst, arm zu werden. Viele haben Angst, die grundlegenden
Voraussetzungen für ein Leben in Frieden zu verlieren.

Der Advent beginnt mit der Erinnerung an das Kommen des Messias.
Erinnerungen wollen etwas wachhalten. Ich denke, es tut uns auch heute und gerade in dieser Krisenzeit gut, wenn wir uns an der Messiaserwartung orientieren. Auch wir können, in aller "Armut", in allen Beschränkungen, die uns das Leben auferlegt, versuchen, einander "Gerechte" und "Helfer" zu sein. Gott kommt im Messias in Armut zu uns, wir können an ihm sehen, was Gerechtigkeit und Helfen bedeutet. Als Christen glauben wir: Gott kam zu uns in dem Kind und der Gestalt des Jesus von Nazareth. Die Armut der Geburt, die Armut seines Lebens, seine Menschen annehmende und gerecht sprechende Liebe, seine kritischen Worte, seine helfenden und heilenden Taten sprechen uns an und laden ein zur Nachfolge, zur Orientierung, zu gerechtem und helfendem Handeln. So bringt er Gottes Frieden und so kommt Gottes Frieden zu uns. So weckt der Messias, der Christus, eine Kraft zum Frieden in uns, eine Dankbarkeit und eine Lebensfreude und immer wieder die bescheidene, aber wichtige Frage für uns und andere: Was brauchen wir wirklich zum Leben? Was ist wirklich wesentlich für uns und andere? Wenn wir aus dieser Krise Lehren ziehen können, dann gehört sicherlich dazu, dass wir lernen, bescheidener und anspruchsloser zu werden im Blick auf unseren Lebensstil, auf den Verbrauch der Ressourcen, die uns die Natur zur Verfügung stellt und dass wir allen narzisstischen
Lebenshaltungen die Stirn bieten, die die Befriedigung eigener Bedürfnisse
bedenkenlos über das Wohl anderer stellen. Gott hat uns in Jesus, dem Christus
gezeigt, wie der Frieden kommt. Halten wir also im Advent die Erinnerung wach und schöpfen wir aus ihr die Kraft zu einem Leben für den Frieden Gottes.
Amen.

Bleiben Sie behütet,
Ihr Pfarrer Gernot Hübner

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