Aktuelles aus Niederdünzebach

Predigt zum Toten-/Ewigkeitssonntag, 22. November 2020, Pfarrer Gernot Hübner, Niederdünzebach

So 22.11.2020 12:00
Niederdünzebach, am Ewigkeitssonntag, 22. November 2020

Liebe Gemeinde!

"Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu!"
Offenbarung 21, 2-5a

Liebe Gemeinde!

Wie schön klingt das! Wie sehr wünschen wir uns das, gerade wenn wir in tiefer Trauer oder Traurigkeit sind. Wenn der Tod uns geliebte Menschen genommen hat. Wie schön wäre eine Welt, in der der Tod nicht mehr ist und es keinen Kummer mehr gibt. Wie schön wäre es, wirklich getröstet zu werden. Wieder aufatmen zu können, wieder Freude zu spüren. "Gott wird abwischen alle Tränen..."

Viele können oder wollen sich das angesichts der Wirklichkeit des Sterbens nicht vorstellen. Und doch malt der Seher Johannes solche Bilder. Er hat zu seiner Zeit vielfachen Tod gesehen. Als er seine Visionen niederschrieb, gab es im römischen Reich gerade eine Phase der Christenverfolgung. Tausende starben den Märtyrertod. Viele waren auf der Flucht. Johannes hat in dieser Zeit Visionen voller Bilder gesehen. Sie kommen ihm zu, von Gott. Es sind Hoffnungsbilder für die Verfolgten. Gott sagt Johannes mit diesen Bildern eine Gegenwirklichkeit an zu den furchtbaren Erfahrungen seiner Gegenwart. Gott sagt seine Wirklichkeit an. Und das hat Auswirkungen auf die gegenwärtige, bedrohliche Situation. Die Aussicht auf Gottes Wirklichkeit ist ein Trost für die, die nur noch Flucht und Tod vor sich haben. Sie werden ermutigt, auszuharren und durchzuhalten, weil die gegenwärtigen Zustände ein Ende haben werden. Der Katastrophe wird ihre Vergänglichkeit angesagt. Das, was ist, bleibt nicht für immer so. Dem, was ist, wird ein Ende angesagt und denen, die jetzt am Ende sind, wird eine neue Zukunft zugesagt. Ist Gott doch der Schöpfer, der aus dem Tod heraus Leben schaffen kann! Das Alte vergeht. Und Neues wird kommen. Neues Leben wird kommen, für die Lebenden und auch für die Toten. Alles aber, was war, geht nicht verloren; es wird verwandelt. Das neue, das himmlische Jerusalem, das Johannes sieht, sieht ganz anders aus als das alte, und doch: es ist und bleibt Jerusalem. Das Neue, das kommt, nimmt ganz klar auf das Alte Bezug.

Daran darf sich auch unsere christliche Vorstellung von der Auferstehung der Toten halten. Das "Leben" der Auferstehung, das "Leben" bei Gott ist für uns unvorstellbar anders, aber es nimmt auf, was zuvor war. Die, die durch das Sterben hindurch gegangen sind, werden nicht als völlig andere Personen, schon gar nicht als Tiere oder Pflanzen in diese Welt zurück auferstehen. Das ist keine christliche Vorstellung. Der Auferstandene Christus ist kein anderer als der Gekreuzigte. Er ist "anders", in anderer, neuer, verwandelter Gestalt; aber es ist derselbe, der lebte und am Kreuz starb. Für uns bedeutet das: Die Verstorbenen werden ein neues Leben führen: in der Gegenwart Gottes und der Gemeinschaft der Kinder Gottes. Das ewige Leben ist keine eins zu eins Fortsetzung und Wiederaufnahme des irdischen Lebens.
Es ist eine verwandelte und andere Art und Weise des Lebens. Aber es nimmt das
zuvor gelebte Leben in sich auf. So bleibt es entsprechend hier bei der Stadt
Jerusalem. Keine andere Stadt, sondern dieselbe Stadt; aber verwandelt, in neuer
Gestalt.

Der Apostel Paulus verwendet im 1. Korintherbrief das Bild vom Samenkorn,
das aufbricht und erstirbt, seine alte Gestalt verliert aber in eine neue Gestalt überführt wird. Alle Information des Samenkorns geht ja über in den Halm, in die neue Gestalt der Pflanze. Der Halm ist aus dem Samenkorn hervorgegangen. Der Halm ist die verwandelte Gestalt des Samenkorns.

Der Seher Johannes beschreibt hier nun, über die Wandlung der Gestalt
hinaus, noch eine weitere Hoffnung für alle Leidenden und Gefolterten: Ihnen
widerfährt Gerechtigkeit. Und es werden auch die zu neuem Leben finden, die in
Trauer und Traurigkeit zurückbleiben. Gott wird abwischen alle Tränen. Auch hier gilt:
Das himmlische Leben nimmt das irdische Leben in sich auf. Das alte Leben ist nicht einfach so verloschen und nichtig. Das bedeutet: Die Geschichte zwischen den Gestorbenen und den Hinterbliebenen bleibt verbunden. Sie wird Gerechtigkeit
erfahren und geheilt werden. Unser Glaubensbekenntnis redet deshalb von der
Gemeinschaft der Lebenden und der Toten. In dieser Gemeinschaft leben und
sterben wir und leben auf nach dem Sterben. "Keiner lebt für sich allein und keiner stirbt für sich allein" sagt Paulus (Römer 8). Die Geschichte, die der Tod für alle abbricht, ist vor Gott nur unterbrochen. Der Tod ist letztlich nur eine Grenze, die überschritten werden muss. So ist ihm seine totale Macht genommen. Und alle Tränen, die wir hier weinen, nehmen wir zu ihm mit und Gott wird sie abwischen und jedem Leben Gerechtigkeit widerfahren lassen.

Das alles, liebe Gemeinde, schließt dieses Bild vom himmlischen Jerusalem
mit ein. So wird es, im Glauben, ein Trost für mich und mein Leben und meine
Trauer, um die, die ich verloren habe. Es ist die Hoffnung auf Gottes Schöpfermacht und seine Liebe. Die irdische Wirklichkeit mag von Tod, Leid, Geschrei und Schmerz erfüllt sein, aber es gibt eine Gegenwirklichkeit. Die Visionen des Johannes gründen in den Gegenerfahrungen der Geschichte des Gottesvolkes Israel und der Gegenerfahrungen der ersten Zeugen mit den Erscheinungen des auferstandenen Jesus Christus. Das waren Lebens-Erfahrungen gegen den Tod, trotz allen Sterbens.

Gott hatte sich in der Geschichte des Volkes Israel immer wieder durch diese
Gegenerfahrungen offenbart. Und die Erscheinungen des Auferstandenen waren für
die Zeugen reale Lebenserfahrungen. Sie haben aus einem verängstigten und
verzweifelten und trauerverlorenen, elenden Häuflein Menschen, neue,
aufbrechende, mutige, geisterfüllte, im Glauben das Leben ergreifende, kraftvolle und weltbewegende Menschen gemacht. Gott hatte ihnen durch die Erscheinungen des gekreuzigten und aus dem Tod erweckten Jesus Christus ein Zeichen und Versprechen geben. Und die Zeugen trugen die Botschaft, das Evangelium von dem schöpferischen Gott der Liebe, der sich in Jesus Christus offenbarte, in die Welt. Seither hat das Menschen zum Weiterleben ermutigt und in Hoffnung sterben lassen.
Das Leben geht in unserer Welt zu Ende, aber es ist in Gottes Wirklichkeit kein
endgültiger Abbruch. Der Tod, die Gewalt, aller Schmerz sind nicht das Letzte. Gott wird abwischen alle Tränen. Das himmlische Jerusalem wird kommen. Es gibt eine Hoffnung. Deshalb müssen wir auch in der irdischen Wirklichkeit nicht verzweifeln.
Amen.

Bleiben Sie behütet, Ihr Pfarrer Gernot Hübner

» zurück