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Predigt zum Sonntag "Drittletzter d. Kirchenjahres", 08. November 2020, Pfarrer Gernot Hübner, Niederdünzebach

So 08.11.2020 12:00
Niederdünzebach, drittletzter d. Kirchenjahres, 8.11.2020

"Denn ihr seid alle Kinder des Lichtes und Kinder des Tages. Wir sind nicht von der Nacht noch von der Finsternis. So lasst uns nicht schlafen wie die andern, sondern lasst uns wachen und nüchtern sein."
1. Thessalonicher 5, 5+6

Liebe Gemeinde!

Mit dem "Tag des Herrn" verband man im Alten Testament das Gericht Gottes, also die Herstellung bzw. "Aufrichtung" von Gerechtigkeit. Für Menschen, die in großen Unrechtsverhältnissen und unter Gewalterfahrungen litten, war diese Vorstellung sehr wichtig. Der "Tag des Herrn" wäre der Beginn ihrer Erlösung. Viele hatten aber auch Angst davor, weiß man doch nicht, auf welche Seite man letztlich gestellt würde: Auf die Seite der Guten oder der Bösen. Es gab auch Vorstellungen, die den "Tag des Herrn" mit apokalyptischen Zerstörungsfantasien füllten, mit Zerstörung und Vernichtung in einer letzten Entscheidungsschlacht. Erst allmählich setzte sich in der jungen Christenheit die Deutung durch, dass sich Gericht und Erlösung schon im Kreuz Christi vollzogen haben und die Erscheinungen des Auferstandenen Brief und Siegel für die Gnade und Güte Gottes waren. So wurde begrifflich immer mehr der Sonntag zum "Tag des Herrn", als Tag der Erinnerung an die Auferweckung Jesu und den Sieg über den Tod und die Versöhnung der Menschen mit Gott. Als Paulus etwa 20 Jahre nach den Ereignissen um Tod und Auferstehung Jesu seinen Brief an die Thessalonicher schreibt, will er die junge Gemeinde mit der Erinnerung an den "Tag des Herrn" trösten. Er bezeichnet sie als "Kinder des Lichts" und stellt ihnen die endgültige Vereinigung mit dem Erlöser vor Augen. Die Gemeinde wird schon einmal "ins Licht" gestellt, obwohl der "Tag des Herrn" als erhoffte Wiederkunft Christi, als Tag der Erlösung noch aussteht. Der Gemeinde wird das kommende Heil Gottes verheißen inmitten dunkler Zeit, in der Finsternis der unterdrückerischen und ungerechten Verhältnisse im römischen Reich und der Ablehnung der Gemeinden mit ihrer noch neuen Botschaft des Evangeliums von Jesus Christus durch die Umwelt. Die bildhafte Gegenüberstellung von "Licht" und "Finsternis" war den Menschen gewiss geläufig und verständlich.

Was kann es auslösen, wenn Menschen in dunkler Zeit, sich als "Kinder des Lichts" begreifen sollen? Was unterscheidet die "Kinder des Lichts" von den anderen Menschen? Nun, die anderen "schlafen", d.h. sie nehmen nicht wirklich wahr, was vor sich geht. Die "Kinder des Lichts" dagegen sind "wach" und "nüchtern". Der "Tag des Herrn" wird kommen, wie ein "Dieb in der Nacht", so beschreibt es Paulus zuvor. D.h., er kommt unerwartet und überraschend für die Schlafenden, die nicht merken, wie sie von den Mächtigen eingelullt werden. "Wenn sie sagen ‚Frieden und Sicherheit‘ (=> Pax Romana?!), dann überfällt sie schnell das Verderben wie die Wehen eine schwangere Frau" warnt Paulus. Die Schlafenden lassen sich also einlullen in falsche Sicherheiten. Sie lassen sich beruhigen von Sprüchen und Phrasendreschern, die sie von den wahren Vorgängen ablenken wollen. Die Kinder des Lichts sind keine besseren Menschen als die Kinder der Finsternis! Es gibt keinen Grund überheblich zu werden. Es geht nicht um eine moralische Qualität, um Gut und Böse, sondern um Prophylaxe, um vorbeugende Maßnahmen, um rechtzeitige Erkenntnis. "Kinder des Lichts" erkennen, was auf sie zukommt. Sie sind wache Menschen. Sie sind aufmerksame Beobachter. Sie lassen sich nicht einlullen. "Licht" kennzeichnet "Erhellendes": so, wie die Propheten vorzeiten immer wache Zeitgenossen waren, die aufmerksam die Zeichen der Zeit, die Vorgänge des Lebens, der Politik, der sozialen Verhältnisse beobachtet haben und Kritik übten, vor Unheil warnten oder Anzeichen für Hoffnung und Zuversicht sahen. So haben die Kinder des Lichts "Erhellendes" beizutragen zu je ihrer Zeit. "Kinder des Lichts" entlarven und decken auf, was dazu beiträgt, Menschen einzulullen und sie in falschen Sicherheiten zu wiegen, so dass sie einschlafen und nicht merken, was an der Zeit ist.

Unsere Zeit heute ist gekennzeichnet davon, dass viele Menschen sich in
einer Blase bewegen, in der sie nur noch die Äußerungen derjenigen wahrnehmen,
die sich auch in dieser Blase bewegen. Algorithmen sorgen dafür, dass wir fast nur noch einander Ähnliches wahrnehmen. Wer im Internet nach Krediten sucht,
bekommt bald ständig neue Werbeseiten mit Kreditvermittlungen angezeigt. Wer auf
YouTube bestimmte Videos anschaut, bekommt danach ständig ähnliche Videos mit
ähnlichen Themen angeboten. Wer etwa auf spotify bestimmte Musik hört, bekommt
bald Listen mit ähnlicher Musik. Wer sich einer kruden Verschwörungstheorie nähert, etwa, dass Angela Merkel eigentlich eine Echse sei, der findet sich bald von ähnlich denkenden Menschen umgeben. Wenn Menschen aber immer in der eigenen Blase bleiben, dann kommt auf Dauer keine Frischluft rein. Dann werden sie schläfrig.
Dann nehmen sie nicht mehr wahr, was außerhalb der eigenen Blase passiert. Sie
lassen sich von den Sprüchen in der eigenen Blase einlullen. In der eigenen Blase fühlt man sich wohl. "Frieden und Sicherheit", "Hier bist du sicher!" wird einem innerhalb der "Community" von anderen Stimmen zugeflüstert. Und gerne werden dabei alle anderen draußen, außerhalb der Blase, als Bedrohung gesehen! Vor solchem "Sektenverhalten" waren und sind auch Christen nicht gefeit. Der Apostel Paulus hat auf seinen Reisen aber immer über den Tellerrand hinausgeschaut und wach und aufmerksam die Welt wahrgenommen. "Kinder des Lichts" sind Menschen, die Erhellendes suchen, die sich breit informieren und weit denken. Martin Luther übersetzte die Bibel, damit die Leute selbst lesen und denken konnten.
Protestantisches Denken setzte von Anfang an die Tendenz zu umfassender
Bildung, zu einem weiten Denken. Christen sollten sich mit ihrer Umwelt
auseinandersetzen und in der Welt einrichten, aber sich nicht in eine Blase
zurückziehen, wo sie schläfrig werden und sich einlullen lassen. Für mich bedeutet das, wach und aufmerksam wahrzunehmen, was in der Welt vor sich geht. Fachleute und Wissenschaftler anzuhören, Tendenzen zu erkennen und wahrzunehmen. Den Klimawandel oder das Corona-Virus kann man nur leugnen, wenn man in einer Blase lebt. Wir brauchen uns aber nicht von Angst lähmen zu lassen oder von Angstmachern in eine Blase treiben lassen. "Kinder des Lichts" zu sein, bedeutet, vor Gott einen Status zu haben. Es ist uns damit etwas gegeben, was uns keiner mehr nehmen kann. "…weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten…" (Römer 8, 38) sagt Paulus an anderer Stelle. Unsere Taufe hebt das hervor. Sie stellt uns ein für alle Mal ins Licht Gottes. "Kinder des Lichts" können deshalb Furcht und Angst überwinden. "Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir" - so können "Kinder des Lichts" beten und in Krisen bestehen. "Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde!" - so können "Kinder des Lichts" ohne Furcht ihre Gegner an einen Tisch laden. Und bei Tisch wird miteinander gegessen und getrunken und einander aufmerksam zugehört und in gutem Sinne miteinander gestritten. Das vermisse ich vielerorts und dafür sollten wir uns in unserem Alltag einsetzen.
"Denn ihr seid alle Kinder des Lichtes und Kinder des Tages. Wir sind nicht von der Nacht noch von der Finsternis. So lasst uns nicht schlafen wie die andern, sondern lasst uns wachen und nüchtern sein."
Amen.

Bleiben Sie behütet,
Ihr Pfarrer Gernot Hübner

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