Aktuelles aus Niederdünzebach

Predigt zum "ERNTEDANKFEST", 4. Oktober 2020, Pfarrer Gernot Hübner, Niederdünzebach

So 04.10.2020 12:00
Erntedankfest 2020, 4.10.2020

(Vorher Lesung: Markus 8, 1-9)

"Woher nehmen wir Brot hier in der Einöde, dass wir sie sättigen? … Und er nahm die sieben Brote, dankte, brach sie und gab sie seinen Jüngern, dass sie austeilten, und sie teilten sie sie unter das Volk aus."
Markus 8, 4+6

Liebe Gemeinde!

Erntedankfest in Corona-Zeiten. Dank in der Krise!? Geht das? Und wie geht das? Fragen sich vielleicht manche. "Und wie das geht!!" - antwortet diese Geschichte. Dazu ein paar Beobachtungen: Jesus hatte sich mit seinen Jüngern in die "Einöde", wie es hier heißt, zurückgezogen. Aber die Menschen waren ihm gefolgt. Wieder einmal viele Menschen. Es heißt dann ganz allgemein: Sie hatten nichts zu essen. Drei Tage schon. Die Menschen, die Jünger und Jesus auch nicht. Aber Jesus und auch seine Jünger haben nun nicht sich selbst und ihren eigenen Hunger im Auge. Ihr Blick richtet sich auf die, die mit ihnen gemeinsam in diese Krise geraten sind, ja, die die durch ihr massenhaftes Hinterherlaufen die Krise mit verursacht haben. Aber nun keine Vorwürfe der Art: "Was müssen die uns auch hinterherlaufen. Selbst Schuld, wir haben ja für uns kaum genug. Sollen die doch dahin gehen, wo der Pfeffer wächst." Stattdessen die sorgende Frage: "Woher nehmen wir Brot hier in der Einöde, dass wir sie sättigen?" Hier geht es eben nicht darum, die kümmerlichen Reste für sich zu horten, den eigenen Hunger zuerst zu stillen, sondern hier sind zuerst die anderen im - fürsorglichen - Blick. Bemerkenswert. 7 Brote sind der kümmerliche Rest, der sich noch finden lässt. Wenn aber in der Bibel die Zahl 7 auftaucht, dann geht es um Fülle und Ganzheit. Die 7 ist so etwas wie eine Code-Nr. für Fülle und Ganzheit. Sie verweist auf göttliches Einwirken. So deutet sich schon an, dass in dieser äußerlichen Kümmerlichkeit, in diesem kleinen "Bisschen", in diesem augenscheinlich Wenigen, ein verborgener Schatz liegt. Kann in dem kümmerlichen Rest von 7 Broten Fülle und Ganzheit für das Leben liegen? Kann in Wenigem die Fülle des Ganzen aufscheinen? Die Jünger teilen, was sie haben. Sie teilen es nicht unter sich, sie teilen es aus. Und das Wenige wird zum Auftakt von großer Fülle. Das "Bisschen" wird nicht nur die Jünger, es wird alle satt machen. Indem Jesus und die Jünger/ in der Krise/ die anderen/ im Blick haben und weil sie - in der Krisensituation bereit sind, das Wenige, das sie haben, zu teilen, erleben alle eine Fülle und Ganzheit, die mit "satt werden" beschrieben wird.

Warum wird eine solche Geschichte so erzählt, liebe Gemeinde, was meinen Sie? Warum übertreibt diese Erzählung so scheinbar maßlos, wenn es am Ende heißt: Sieben - 7! - Körbe voll blieben übrig und viertausend seien satt geworden. Von dem "Bisschen"? Und so viel übrig? 7 Brote wurden ausgeteilt und 7 Körbe blieben übrig. Da war eine "kleine" Fülle der Ausgangspunkt und am Ende hat sie sich in eine "große" Fülle verwandelt. Ist das wirklich so passiert? Darf man diese Geschichte mit einem Handwischen abtun, weil man das "wortwörtlich" so nicht glauben will? Sie ahnen, dass ich diese Geschichte nicht wörtlich nehmen möchte, aber dass mir die Worte dieser Geschichte eine Fülle von Erkenntnis und Orientierung bringen. Diese Erzählung leuchtet mir ein, es spricht ein Geist aus ihr, der mich auf die Spur von Fülle und Ganzheit im Leben bringt. Wo kann aus Wenigem viel werden in unserem Leben, wenn Menschen teilen? Es gibt sicher Beispiele. Die Menschen bei uns, die solche Erfahrungen bezeugen können, dass auch in Wenigem die Fülle des Lebens gefunden werden kann, nämlich aus den Kriegs- und Nachkriegsjahren, sterben aus. Die Alten, die von der Erntezeit früher erzählen können, in der die Menschen eines Dorfes sich gegenseitig bei der Ernte geholfen haben, werden weniger. Wie oft habe ich schon von den Alten den Satz gehört: "Wir hatten nicht viel - aber es war schön!" Das gab es und hat es schon immer gegeben, gerade wenn wenig da war: dass Menschen nach den anderen Menschen geschaut haben und das, was sie hatten, ihre Kraft, ihre Hilfsmittel, ihren Geist (!) teilten und dass am Ende alle davon etwas hatten. Mag sein, Erinnerung verklärt und beschönigt. Ich habe natürlich auch schon den anderen Satz gehört:
"Das war nicht schön, damals!" Und zwar immer dann, wenn Menschen die
Erfahrung gemacht hatten, dass sie nicht willkommen waren, dass man nicht mit
ihnen teilen wollte. Der Satz: "Wir hatten nicht viel - aber es war schön!" kann nur gesagt werden, auf dem Hintergrund der Erfahrung des Teilens und einer
Verbundenheit. "Es war schön!", ist ein Satz, der wirklich nur dann wahr ist und
gesagt werden kann, wenn Menschen einen Geist von Verbundenheit und
Gemeinschaft gespürt haben. Dann kann er sogar auch in der Krise, in schweren
Zeiten gesagt werden, weil Menschen gerade in schweren Zeiten nach einander
geschaut haben und miteinander geteilt haben. "Wir hatten nicht viel - aber es war schön!" Und am Ende stand dann oft ein Fest! Erntedank oder Kirmes oder wie auch immer. Am Ende stand oft ein Fest, das die Schönheit und Fülle des Lebens
feierte. Selbst in schweren Zeiten! Ein Fest, in dem sich die Ganzheit, die
unauflösliche Verbundenheit aller, die Fülle des Lebens, zum Ausdruck bringt. Wenn Jesus aufforderte, nach den anderen zu schauen und alle einzuladen. Wenn Jesus das Brot brach und dankte (!) und unter dem Dank das Brot austeilte, wenn Jesus Menschen am Tisch versammelte und sie in die Gemeinschaft Gottes hineinholte, wenn er ihnen die Gemeinschaft des Lebens und ihre Verbundenheit in diesem Leben deutlich machte, dann war das wie ein Fest! Auch, wenn nur wenig da war!
Wenn Menschen spüren: wir gehören zusammen und wir teilen das Leben und alles,
was wir dazu brauchen, miteinander, dann "berührt der Himmel die Erde". Dann ist
da Grund zur Dankbarkeit und zur Feier des Lebens. Dann erleben Menschen die
Fülle und die Ganzheit des Lebens, auch wenn nur wenig da ist.

Wir erleben auch in der Krise dieser Zeit immer dann Fülle und Ganzheit,
wenn Menschen nach einander schauen und miteinander teilen. Dann können wir
eines Tages auch im Rückblick sagen: "Es war schwer, aber wir haben auch viel
Schönes erlebt!" Aber wenn wir miteinander konkurrieren, ob um Toilettenpapier
oder Impfstoffe, wenn wir nicht bereit sind, nach dem anderen zu schauen und
"Lebensmittel" zu teilen, dann werden wir bei dem Satz enden: "Es war furchtbar!"

Halten wir uns an den Geist Jesu, an den Geist Gottes: 7 Brote, 7 Körbe voll.
7 Fässer Wein…über 7 Brücken musst du gehen... Gott ruhte am 7. Tag und sah
voller Zufriedenheit auf die Schönheit seines Schöpfungswerkes zurück. Eine Welt
für Pflanzen, Tiere und Menschen. Eine Welt, die Gott in Jesus Christus mit allen teilte. Vielleicht ist Gott ja auch in seiner Ruhe am 7. Tag aufgestanden und wiegte sich erst mit leisem Summen und hat dann einen kleinen Tanz begonnen und gesungen und ein Gläschen Wein getrunken mit den Engeln und das Leben
gefeiert… - Mögen wir das - in Dankbarkeit - auch immer wieder tun können!
Amen.

Bleiben Sie behütet, Ihr Pfarrer Gernot Hübner

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