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Predigt zum Sonntag "8. nach Trinitatis", 2. August 2020, Pfarrer Gernot Hübner, Niederdünzebach

So 02.08.2020 12:00
Niederdünzebach, den 8. Sonntag nach Trinitatis

1 Und Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war.
2 Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Rabbi, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist?
3 Jesus antwortete: Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm.
4 Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat…
Johannes 9, 1-4

Liebe Gemeinde!

Jesus sah ihn. Er hat ihn nicht übersehen. Den Blinden. Nicht weggesehen. Damit beginnt die Geschichte einer Heilung: mit dem Hinsehen. Die Jünger blicken zwar auch hin, aber mit Vorurteilen im Kopf: Wenn eine schwere Krankheit einen Menschen ereilt, dann muss es doch eine Ursache geben, ja sogar eine Mitschuld. Oder? - Immer noch und immer wieder werden Behinderte und Kranke mit dieser Zuschreibung - oder gar dem Vorwurf - konfrontiert: Irgendwoher muss das ja kommen. Hast du das nicht selbst begünstigt!? Durch deine Lebensweise? Natürlich ist erwiesen, dass Alkohol oder Rauchen oder mangelnde Bewegung im Nachgang Erkrankungen begünstigen können, aber es gibt viele Krankheiten, die Menschen überfallen und sich ihrer bemächtigen, ohne dass sie etwas dafürkönnen oder gar "selbst schuld" sind. Und nicht jeder, der gerne mal einen Schluck Wein oder Bier trinkt, wird zum Alkoholiker.

"Blind geboren" - hier geht es nicht um eine Krankheit, sondern um eine Behinderung, die seit der Geburt besteht. (Eine Behinderung ist keine Krankheit!) Wir wissen heute, dass Fehlverhalten in der Schwangerschaft zu schwerwiegenden Schädigungen des Fötus führen können, etwa durch Alkohol oder Medikamente, aber auch durch Unfälle oder traumatisierende Ereignisse. "Rabbi, wer hat gesündigt? - die Frage sucht nach einer klaren Zuschreibung. Der oder die hat sich das aus den und den Gründen zuzuschreiben! Hat sich der- oder diejenige das sogar - zynisch gedacht - "verdient"?! Das ist offensichtlich eine sehr menschliche Frage, weil der Mensch anscheinend Erklärungen braucht. Dann weiß man nämlich, warum?! Die "Warum"-Frage ist uns zutiefst eingebrannt. Da braucht es nicht mal zynische Fragesteller von außen. Wir kennen das von uns selbst, wenn uns etwas Schlimmes ereilt hat: "Womit hab‘ ich das verdient?!" So fragen viele verzweifelt und entsetzt. Gerade weil sie es, aus ihrer Sicht, "eigentlich" nicht verdient haben, fragen sie paradoxerweise doch genau danach. Die Schuldfrage ist uns tief eingebrannt - und damit die Frage nach der Gerechtigkeit. Ist es gerecht, dass uns eine Krankheit, eine Behinderung trifft? Das ist wohl die eigentliche Frage hinter all den Fragen und Vorwürfen. Die einen trifft es, die anderen nicht. Das ist ungerecht. Und wenn es einer "verdient" hat, wenn es ihn gerechterweise trifft, dann ist es doch gut so! Oder? Dann sind wir beruhigt, oder etwa nicht? Ist tatsächlich alles "gut", wenn es - gerechterweise - eine klare Zuschreibung, eine einsichtige Erklärung gäbe, dass jemand "zu Recht" eine Krankheit oder eine Behinderung hat? Es soll ja Leute geben, die "zu Recht" meinen, dass wenn die pränatale Diagnostik eine zukünftige Behinderung des Fötus vorhergesagt hat, man diesen hätte abtreiben sollen. Und die Eltern, die das Kind trotzdem empfangen haben, sind eben "selbst Schuld" und müssten nun "zu Recht" die Folgen tragen. Hätten hier die Eltern - bzw. die Mutter(!) - das blinde Kind nicht abtreiben können?! Nun, pränatale Diagnostik gab es damals nicht, aber wenn, hätten die Eltern des Blinden durchaus diesen Vorwurf hören können. So lautet er "nur": Haben sie vielleicht "gesündigt"? Dann wäre es ja irgendwie "gerecht" und verständlich und "gut". Sie merken, liebe Gemeinde, mein Reden in "Anführungsstrichen" - es ist ganz und gar nicht "gut" so. Jesus ist da auch sehr deutlich. Er weist jeden Versuch einer Zuschreibung, einer Erklärung zurück, sondern verweist auf das, was dem Blinden - und allen Behinderten und Kranken!!! -
zu tun ist: nämlich die "Werke Gottes"! Was ist damit gemeint? Nun, Jesus wird
anschließend das tun, was in seiner - ihm von Gott gegebenen Kraft - liegt: den
Blinden heilen. "Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat" sagt er.
D.h. jeder und jede soll mit den je gegebenen Gaben nach Kräften versuchen, den
Behinderten und Kranken zu helfen. Punkt. Und die Frage nach dem "Verdienst",
nach der "Gerechtigkeit"? Hat es jemand "zu Recht" "verdient" behindert oder krank zu sein?

Die Frage erübrigt sich, wenn man - wie Jesus - mit der Liebe Gottes auf die
Menschen blickt. Aus dem Blickwinkel der Liebe erübrigt sich die Frage nach der
Gerechtigkeit oder Rechtfertigung von Behinderung, Krankheit und Leid. Wenn
jemand, den ich liebe, etwas Falsches tut, wenn jemand, den ich wirklich zutiefst liebe, sich falsch verhalten hat und daraufhin eine Behinderung oder eine Krankheit erleidet, wäre es dann für mich "gut", wenn ich wüsste, das hat er oder sie "verdient"?
Wäre ich in und mit meiner Liebe nicht zutiefst mitgetroffen? Würde ich nicht alles daransetzen, dem geliebten, leidenden Menschen zu helfen? Nein, es ist überhaupt keine Frage von Schuld oder Unschuld, von verdient oder unverdient. Es ist eine Frage von Liebe oder Gleichgültigkeit bzw. Hass. Ist es mir dieser Mensch wert, dass ich ihm, nach Gaben und Kräften, in seinen Einschränkungen, in seinem Leiden beistehe oder nicht? Für die Liebe ist das keine Frage, sondern nur eine Verantwortung und ein Auftrag: Ja, ich stehe ihm bei - um der Liebe willen! Um der Liebe Gottes willen, denn "Gott ist die Liebe und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm." (1. Joh 4, 16)

Wir sind gegenwärtig, im berechtigten Zorn über die Leichtsinnigen, die sich
und andere mit dem Virus anstecken, schnell dabei, ihnen vielleicht sogar den Tod an den Hals zu wünschen, mindestens einen schlimmen Verlauf. Eine menschliche Regung, ja, ein berechtigter Zorn. Aber was, wenn dieser Leichtsinnige ein von mir zutiefst geliebter Mensch ist? Mein Kind etwa? Da wäre dann hoffentlich doch gar nichts "gut" und "verdient"! Jesus hat die Menschen als "Kinder Gottes" betrachtet.
So hat er sie gesehen. So hat er den Blinden gesehen. Vor Gott bin ich "Sünder"
sein geliebtes Kind. So sieht mich Gott an. Deshalb sieht der biblische Gott, obwohl mitunter "zu Recht" zornig auf seine "sündigen" Menschen, diese Menschen in seiner Liebe mit "Gnade" und "Vergebung" an. Das lehren und zeigen wir als Christen durch Taufe und Abendmahl und im allgemeinen Segnen der Menschen. Und in der tätigen "Diakonie", im Dienst am Nächsten. So wirken wir - nach Gaben und Kräften - die Werke Gottes an den Menschen. Wir können dabei nicht immer Heilungen vollbringen (das konnte Jesus übrigens auch nicht immer!), aber wir können beistehen, nahestehen, mitgehen, füreinander gehen. Und die Frage nach dem "Warum"? Mag es eine Antwort geben, ob aus Schuld oder Unschuld, ob gerecht
oder ungerecht, ob verdient oder unverdient - sie ist eine rückwärtsgewandte Frage. Sie mag Klarheit bringen oder schwer erträgliche Unklarheit bleiben - sie erübrigt sich letztlich in der Liebe, die das Leben will und helfen will. Amen.
Bleiben Sie behütet,
Ihr Pfarrer Gernot Hübner

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