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Predigt zum Sonntag "7. nach Trinitatis", 26. Juli 2020, Pfarrer Gernot Hübner, Niederdünzebach

So 26.07.2020 12:00
Niederdünzebach, den 7. Sonntag nach Trinitatis

1 Bleibt fest in der brüderlichen Liebe.
2 Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.
3 Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene, und an die Misshandelten, weil ihr auch noch im Leibe lebt.
Hebräer 13, 1-3

Liebe Gemeinde!

Waren sie schon einmal irgendwo in der Fremde und wurden gastfreundlich aufgenommen? Brauchten sie vielleicht Hilfe und bekamen sie von ihnen fremden Menschen?

Ich erinnere mich an eine Begebenheit in Schottland, als ich vor vielen Jahren allein unterwegs war. Ich hatte die Autotür zugeworfen und der Schlüssel war noch drinnen (damals war das noch möglich!). Hilflos stand ich erst einmal vor meinem Auto. Ich fragte in der Jugendherberge, in der ich übernachtet hatte, ob mir jemand helfen könnte. Und "natürlich" (!?) fand sich jemand. Der Leiter der Jugendherberge kam schnell mit einem Kleiderbügel aus Draht, drehte ihn auf, bastelte eine Drahtschlinge und hebelte bald meine Autotür auf. Ich war so dankbar und für ihn war es so selbstverständlich zu helfen und er freute sich auch! Es war für uns beide ein schlichter, schöner Augenblick und wir verabschiedeten uns mit einem warmherzigen "Good bye!"

Wie dankbar können Menschen sein, wenn sie Gastfreundschaft in der Fremde erleben. Wie gut, wenn Menschen Fremden gegenüber gastfreundlich und hilfsbereit sind, "denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt".

Nun wissen wir - auch aus negativer Erfahrung! - dass nicht alle Fremden "Engel" sind. Und viele von uns kennen auch das Erleben von Misstrauen und Skepsis ihnen gegenüber, wenn sie in der Fremde sind. Als Deutschem kann einem in Frankreich oder England oder den Niederlanden durchaus immer noch sehr distanziert begegnet werden. Das Gefühl, nicht willkommen zu sein, obwohl man selbst doch ganz freundlich kommt oder gar Hilfe braucht, ist frustrierend und erniedrigend. Für jeden Menschen. Überall auf der Welt. Es mag gute Gründe geben, misstrauisch zu sein und - seien wir ehrlich! - mitunter kann einem bei der Begegnung mit Fremden ein mulmiges Gefühl überkommen, weil sie eben anders sind. Sie sehen anders aus, sind vielleicht auch anders gekleidet, sprechen eine Sprache, die wir vielleicht nicht verstehen. Was erwartet uns in der Begegnung? Unsere Unsicherheit, unsere Ungewissheit, unsere Unkenntnis machen auch Angst. Angst aber macht misstrauisch. Und Misstrauen kann sehr verletzend sein. Der Schritt zu aggressiver Ablehnung ist dann nicht weit.

Gegen alle Angst, gegen alles Misstrauen aber gibt der Hebräerbrief nun aber trotzdem als Empfehlung die Gastfreundschaft mit auf den Weg. Die Verse davor und danach zeugen von der Ablehnung, der die urchristlichen Gemeinden ausgesetzt waren. Aber schon Jesus, der umherziehende mittellose Wanderprediger mit seiner Gefolgschaft setzte auf die Gastfreundschaft und gar Feindesliebe, wie auch der Apostel Paulus in seiner Nachfolge. Allem Misstrauen, aller Angst und möglicher Aggression wird das vertrauensbildende Prinzip des Anderen-Wohl-Tuens entgegengesetzt: "Alles nun, was ihr wollt, das euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch!" (Matthäus 5, 12) "Liebt eure Feinde; tut wohl denen, die euch hassen!" (Lukas 6, 27) "Übt Gastfreundschaft. Segnet, die euch verfolgen…Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann…" (vgl Römer 12, 9ff.) usw. Wer im Geist Gottes lebt, der überwindet alle Angst und setzt auf die Liebe, die nicht im Misstrauen leben kann. Wenn im Fremden die unverhoffte und unerkannte Gegenwart eines "Engels" erwartet werden darf, dann ist das eine bemerkenswert hohe Würdigung der Fremden, die uns begegnen. Bei allem Unwohlfühlen, allem Misstrauen, aller Vorsicht, die in uns wach werden mögen: es gilt doch, sich zu überwinden und gastfrei, freundlich und hilfsbereit zu sein. Es könne ja ein Engel sein. Das meint, es könnte jemand sein, der uns von Gott her etwas zu sagen, zu zeigen hat. Auch das ist eine vielfache Erfahrung von Menschen: Fremde bringen etwas mit, von Fremden kann man etwas lernen. Man kann gar nicht alles aufzählen, was über die Jahrhunderte etwa an guten Handwerkstechniken Verbreitung gefunden hat, dadurch, dass Menschen auf Reisen gingen und Gastfreundschaft beansprucht haben und bekamen. Fremde können etwas zeigen oder lehren, was man bisher noch nicht kannte oder nicht wahrgenommen hat. Mit Fremden kann man sich auf vertraut macht machen. Das kann schön sein. Jeder, der auf Reisen schon gute Bekanntschaften geschlossen hat, weiß das. Aber dazu muss man sich öffnen. Die Angst und das Misstrauen in sich überwinden. Begegnungen mit Fremden, erlebte Gastfreundschaft, kann Lebenskraft ausstrahlen, in Freude und Dankbarkeit münden. Engel sind Boten Gottes. In ihnen begegnet uns Gottes heilsame Botschaft für uns und seine Nähe. Engel bringen bewahrende und befreiende Botschaften. Sie sind allerdings nicht unbedingt sofort erkennbar. Sie können in der Gestalt eines jeden noch so unscheinbaren Menschen zu uns kommen. Deshalb hören und lernen wir: Es braucht einen offenen Geist, ein offenes Herz, um sie wahr zu nehmen. Es braucht den Geist der Menschenfreundlichkeit, um ihre Lebenskraft zu erkennen. Manchmal mag man es erst im Nachhinein wirklich begreifen. Immerhin. Schade, wenn man sie, aufgrund von innerer und äußerer Verschlossenheit verpasst. Seid also gastfrei. Macht euch frei, die Unbekannten zu versorgen. Macht sie euch vertraut. Es könnten Engel sein. Angst und Misstrauen mögen da sein, ja. Jesus kann auch warnen: "Siehe, ich sende euch wie Schafe unter die Wölfe. Darum seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben. Hütet euch aber vor den Menschen…" (Matthäus 10, 16f.) Er wusste und hat erlebt, wie Menschen auch sein können. Wachsamkeit und Aufrichtigkeit sind immer geboten. Aber das darf nicht dazu führen, sich abzuschotten. Vergessen wir nicht: Wenn wir Brot und Gemeinschaft miteinander teilen, dann ist Christus mitten unter uns. Die Botschaft bleibt unmissverständlich: Wenn ihr eurem - durchaus gesunden - Misstrauen einen höheren Vorrang einräumt, wenn ihr eure - durchaus gesunde - Angst nicht überwindet, dann werdet ihr keine heilsamen und befreiende Begegnungen erleben.
Dann könnt ihr den Engel Gottes für euch verpassen. Dann bleibt ihr Gefangene
eurer Angst und eures Misstrauens. Die Liebe aber überwindet die Angst. Die Liebe öffnet euren Geist und euer Herz - für andere. Amen.

Bleiben Sie behütet,
Ihr Pfarrer Gernot Hübner

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