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Predigt zu "PFINGSTEN", 31. Mai 2020, Pfarrer Gernot Hübner, Niederdünzebach

So 31.05.2020 12:00
Niederdünzebach zu Pfingsten, den 31. Mai 2020

"Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle an einem Ort beieinander. … und sie wurden alle erfüllt von dem heiligen Geist und fingen an, zu predigen in fremden Sprachen, so wie der Geist es ihnen eingab. … Andere aber hatten ihren Spott und sprachen: Sie sind voll von süßem Wein."
(Apostelgeschichte des Lukas 2, 1+4+13)

Liebe Gemeinde!

Der Heilige Geist begründet hier keine Gemeinschaft. Sie ist schon da. "Sie waren alle an einem Ort beieinander". Aber der Heilige Geist verändert und erneuert die Gemeinschaft. Die Anhängerinnen und Anhänger Jesu hatten sich in einem Haus in Jerusalem versammelt. Während einer Epidemie kann gerade das gefährlich sein. Es war eine andere Krise damals: Jesus hatte vor seiner "Himmelfahrt" den Jüngern ankündigt, dass sie die Kraft des Heiligen Geistes empfangen werden. Und damit hatte er sie verlassen! Die Zeit der Begegnungen mit dem Auferstandenen war mit einem Mal vorbei. Keine Erscheinungen mehr. Nun schienen die Jünger auf sich allein gestellt...

Die christliche Tradition beraumt "Himmelfahrt" auf den 40. Tag nach Ostern (nach Apostelgeschichte 1,3). "Pfingsten" wird auf den 50. Tag nach Ostern terminiert. In biblischer Tradition steht die Zahl 40 für einen Zeitraum, in dem sich etwas klärt, in dem also etwas mehr und mehr zur Klarheit kommt. Mose sucht 40 Tage und Nächte auf dem Berg Sinai die Nähe Gottes auf, um dann mit den Gesetzen, die das Zusammenleben regeln, wiederzukehren. Das Volk Israel braucht die Generationenzeit von 40 Jahren, um nach seiner Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei geläutert und gefestigt genug zu sein, um das alte, gelobte Land neu in Besitz zu nehmen. Jesus verbringt 40 Tage in der Wüste, um sich über seine Berufung klar zu werden, um danach Jünger zu sammeln, auf Wanderschaft zu gehen und das Kommen des Reiches Gottes zu verkündigen. Die Zahl 40 steht für einen Zeitraum der Läuterung, des Nachdenkens und der Besinnung, für eine Umkehr aus Irrwegen und Verwirrungen. Das ist wohl eine Vorbedingung für heilsame Veränderung und Neuanfang. Dazu braucht es eben Zeit… . Die symbolische Bedeutung der 40 übertrug sich auch in die weltliche Sphäre: Vom französischen Wort "quarante" (vierzig) stammt der Ausdruck Quarantäne. Im 14. Jahrhundert wurden erstmals vierzigtägige Isolationsperioden zur Vermeidung von Pestepidemien verhängt.

Sie waren also "alle an einem Ort beieinander." Sie warteten. Und sie brauchten wohl auch Zeit, um das Unfassbare zu fassen. Die Erfahrungen mit den Erscheinungen des Gekreuzigten und Auferstandenen. Diese vollkommen unerwartete, neue Wirklichkeit. Dann - nach erstem Entsetzen und langsam einsetzender, überwältigender Freude - dieser Abschied!? Mit der Verheißung der kommenden Geistkraft. Das Bewusstwerden, dass doch nicht alles so weitergehen kann, wie zuvor. Was musste da alles verarbeitet werden! Erst Trauer, Enttäuschung und Resignation. Die Angst, genauso wie Jesus, verhaftet zu werden. Dann neue, unerwartete Hoffnung durch den Auferstandenen und immer die Frage: Wie sollen, wie können wir nach all den Ereignissen wieder "ins Leben" zurückkehren? Ein Wechselbad der Gefühle. Nein, da haben wohl selbst 40 Tage nicht gereicht. Die Quarantäne wird um 10 Tage verlängert. Alles war so unfassbar und so außerordentlich und so verwirrend. Der Mensch braucht Zeit, um zur Besinnung zu
kommen, um Klärung und zur Klarheit zu finden. So wartet die kleine Gemeinschaft und harrt aus. Sie finden sich zusammen in der außerordentlichen Situation. Es ist durchaus ein Rückgriff auf bewährte Erfahrungen für Menschen in Krisen: "Haltet zusammen!" Das ist das Erste und Beste, was man tun kann. Und dann, an "Pfingsten", das "Ende der Quarantäne": Die Zeit ist reif für etwas ganz Entscheidendes: Die Rückkehr ins Leben. Solange man in Isolation und Abschottung lebt, fehlt etwas Entscheidendes: die Rückkehr und Öffnung zur Welt. Der Heilige Geist als lebendige Schöpfermacht weckt auf aus allem Rückzug und aller Abschottung. Der Heilige Geist erweckt und öffnet die Gemeinschaft und erfüllt die Herzen mit einer Kraft, die nach außen dringt und andere einlädt. Es ist die Kraft der Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes, die Kraft der Liebe zur Welt. Rückzug und Abschottung mögen eine Zeit lang hilfreich und heilsam sein, wenn sie der Besinnung dienen. Heilsame Quarantäne ist aber etwas ganz anderes als dauerhafte, furchtsame Abschottung und ausgrenzende Feindseligkeit gegen alle, die man gerne draußen haben will. Nein, an Pfingsten wurden Menschen erfüllt mit jenem Geist, aus dem auch Jesus lebte und wirkte: Dem Geist der Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes, mit der Kraft der Liebe zur Welt. Petrus, der fehlbare und von eigenen Unzulänglichkeiten gebeutelte Mann, er wird zu einer bewegenden und einladenden Predigt an die draußen anheben und die Öffnung für alle Welt aus dem Geist Jesu vollziehen. Alle Menschenangst, alle Lebensangst, alle Weltangst, ist überwunden. Petrus und die anderen werden sich trauen, das Wirken Jesu fortzusetzen. Sie kehren zurück ins Leben. Sie sind auferweckt, auferstanden, aus aller Trauer und Angst und Verwirrung! Sie sind offen für Veränderungen und einen Neubeginn. Sie können nun "in fremden Sprachen reden". D.h. doch, sie können sich in Andere, in Fremde, hineinversetzen! So geschieht bei vielen das Wunder der Verständigung und des Verstehens. "Die nun sein Wort annahmen, ließen sich taufen; und an diesem Tage wurden hinzugefügt etwa dreitausend Menschen.", so heißt es einige Verse weiter (Apg 2, 41). Ein überwältigender Neubeginn und Erfolg. Aber - Gott sein Dank! - kein totaler Erfolg. Ich bin froh, dass die Erzählung der Pfingstgeschichte keinen totalen Erfolg zulässt. "Andere hatten ihren Spott und sprachen: Sie sind voll süßen Weins." Was wäre die Geschichte ohne diesen Satz? Ich halte ihn für notwendig! Es ist in der Geschichte für die Welt und die Christenheit immer böse ausgegangen, wenn sich Christen totalitär gebärdet haben. Wenn sie meinten, alle anderen müssten sich von der christlichen Verkündigung ergreifen lassen und wehe denen, die den Glauben ablehnen…

Nein, wir müssen mit den Spöttern leben. Wir müssen mit denen leben, die unserer Botschaft kritisch oder ablehnend gegenüberstehen. Wir werden sie nicht mit Ausgrenzung und Anfeindung, schon gar nicht mit Gewalt, "überzeugen" dürfen - und auch nicht können! Wenn wir uns in die "fremden Sprachen" hineindenken und sie zu verstehen suchen, dann können wir uns vielleicht auch verständlich machen und werden verstanden und Ausgrenzungen werden überwunden. Der Heilige Geist ist nicht totalitär, er ist demokratisch und weltoffen. Er lässt sogar Spott über sich ergehen. Wir können nur im Geist der Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes, aus dem Geist der Liebe zur Welt, überzeugend sein. Dann kann es Pfingsten werden. Auch in dieser Krisenzeit. Darum lasst uns bitten: "Komm, heil‘ger Geist, mit deiner Kraft, die uns verbindet und Leben schafft." (EGplus 34) Amen.

Frohe Pfingsten und bleiben Sie behütet!
Ihr Pfarrer Gernot Hübner

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